Darum geht es
Stadtpfarrer Stefan Buß empfiehlt in seinem Impuls auf Osthessen|News mit Jürgen Klopp den Blick auf das Vorhandene statt auf das Fehlende – und lässt ausgerechnet bei der eigenen Kirche die ehrliche Inventur aus: was sie hat, warum ihr fehlt, was ihr fehlt, und dass sein Gott sehr wohl nach Defiziten fragt.Gegen den Rat, mit dem zu arbeiten, was man hat, ist nichts einzuwenden. Der Einwand richtet sich dagegen, dass Buß die Verluste seiner Kirche wie Wetter beschreibt, ihre Ressourcen kleinredet, ihre selbst verschuldeten Defizite übergeht und einen Gott erfindet, der Defizite gar nicht interessieren – im Widerspruch zu Bibel, Katechismus und jeder Sonntagsmesse.
Ein Zitat auf Tournee
„Wir haben nicht danach geschaut, was wir nicht haben, sondern danach, was wir haben.“ Diesen Satz hat Jürgen Klopp bei der Vorstellung seines ersten Kaders als Bundestrainer gesagt, und er erweist sich als erstaunlich belastbar. Vor knapp zwei Wochen trug er das „Wort zum Sonntag“ von Conrad Krannich (unsere Kritik), jetzt trägt er den Impuls von Stefan Buß. Ressourcenorientiert ist das allemal: Ein gutes Zitat wird eben nicht nur einmal verwertet.
Buß überträgt das Motto auf Gesellschaft und Kirche, deren Blick „leicht von den Defiziten bestimmt“ werde: „weniger Menschen, weniger Priester, weniger Ressourcen, weniger Selbstverständlichkeit“. Klopps Ansatz sei dagegen „kein Schönreden der Wirklichkeit“, sondern ein Perspektivwechsel. Gut. Nehmen wir ihn beim Wort und machen, was ein Trainer vor der Kadernominierung tut: eine ehrliche Bestandsaufnahme. Und zwar mit beiden Spalten.
Spalte eins: Was die Kirche hat
„Weniger Ressourcen“ ist eine relative Angabe. Das Bistum Fulda verfügt über mehr als 1.000 Gebäude, darunter rund 400 Kirchen, etwa 250 Pfarrhäuser und 150 Pfarrheime (hessenschau). Die Kirchensteuer zieht der Staat für die Kirchen ein; bundesweit kamen 2025 nach Schätzung des Instituts der deutschen Wirtschaft rund 6,7 Milliarden Euro bei der katholischen Kirche an (Finanzfluss). Dazu überweist das Land Hessen den katholischen Bistümern Jahr für Jahr Staatsleistungen von rund 17 Millionen Euro (epd/evangelisch.de) – obwohl die Verfassung seit 1919 deren Ablösung verlangt (Art. 140 GG i. V. m. Art. 138 WRV). Und für den Fuldaer Dom trägt das Land sogar die Baulast (Hessischer Landtag, Drs. 19/3122).
Nicht zu vergessen: einen Stadtpfarrer mit wöchentlichem Impuls bei Osthessen|News, dem regionalen Nachrichtenportal. Welcher Verein, welche Bürgerinitiative, welcher Humanistenverband hätte das auch?
Ja, die Einnahmen sinken. Das Bistum selbst hat erklärt, die Kirchensteuer gehe erstmals zurück, obwohl das staatliche Lohnsteueraufkommen wachse (hessenschau). Aber das ist Schwund auf einem Niveau, von dem jede andere zivilgesellschaftliche Organisation nur träumen kann. Hätte Klopp so einen Kader, würde niemand über Personalsorgen reden.
Spalte zwei: Was fehlt – und warum
Die Defizitspalte ist tatsächlich lang. 2012 zählte das Bistum Fulda rund 403.700 Katholiken (DBK, Eckdaten 2012), 2025 noch gut 317.000; ausgetreten sind 2023 rund 6.000, 2024 rund 5.300 und 2025 knapp 5.000 Menschen (hessenschau). Für 2035 rechnet das Bistum mit 235.000 Katholiken und will die Zahl seiner Kirchen auf etwa 200 halbieren. Die drei Priesterweihen vom Juni 2025 waren nach Bistumsangaben voraussichtlich für mindestens sieben Jahre die letzten; weitere Interessenten für die Ausbildung gebe es derzeit nicht (hessenschau).
Bei Buß kommt all das als Zustand vor: „weniger Menschen, weniger Priester“. Kein Subjekt, keine Ursache. Menschen werden aber nicht weniger wie Laub im Oktober. Sie gehen. Es ist dasselbe Muster, das wir bei Krannich beschrieben haben, der Hass und eine „politisch dunkle Jahreszeit“ wie Wetterphänomene behandelte: Was sich nicht benennen lässt, lässt sich auch nicht verantworten.
Die Gründe sind dabei gut untersucht. Nach dem Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung gaben 81 Prozent der Austrittswilligen an, sie hätten wegen Skandalen ihr Vertrauen in religiöse Institutionen verloren (Tagesspiegel/KNA). Die 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung stufte 43 Prozent der Katholiken als austrittsgeneigt ein (DBK, Statement Kläden).
Der Bericht, der im Impuls fehlt
Und in Fulda muss man nicht einmal auf Umfragen zurückgreifen. Im Juni 2025 legte die unabhängige Aufarbeitungskommission ihren Abschlussbericht vor: 37 beschuldigte Priester und Kapläne, 120 Betroffene, 239 nachweisbare strafbare sexuelle Handlungen – und ein Dunkelfeld, das die Kommission auf ein Mehrfaches schätzt. Bis 2000 seien Beschuldigte in aller Regel mit Nachsicht behandelt worden, so der Vorsitzende Gerhard Möller, weil das Ansehen der Kirche nicht beschädigt werden sollte (epd/evangelisch.de). Bischof Michael Gerber räumte ein: „Wir haben als Bistum Fulda Schuld auf uns geladen“ (hessenschau).
Man stelle sich vor, die Kommission hätte Buß‘ Rat befolgt und nicht auf das geschaut, was fehlt, sondern auf das, was da ist. Sie hat das Gegenteil getan: 2.124 Akten aus 80 Jahren auf Defizite durchgesehen. Genau so beginnt Veränderung – nicht mit dem Ende des „Nachtrauerns“, sondern mit der Frage, warum etwas fehlt.
Auch der Priestermangel ist kein Naturereignis. Eine Organisation, die ihre Amtsträger zum Zölibat verpflichtet und die Hälfte der Menschheit von vornherein ausschließt, hat ihren Kader selbst verkleinert. Nach einer Studie der Bischofskonferenz ist es vor allem der Zölibat, der junge Männer vom Priesterberuf abschreckt (hessenschau). Klopp würde vermutlich staunen über einen Verband, der Spielerinnen grundsätzlich nicht nominiert und sich dann über eine dünne Bank beklagt.
Ein Scheingegensatz mit Fluchtweg
Argumentativ ruht der Impuls auf einer falschen Alternative: Entweder man schaut auf das Fehlende und verliert „leicht den Mut“, oder man schaut auf das Vorhandene und „entdeckt Möglichkeiten“. Jede seriöse Analyse tut beides. Ein Trainer nominiert nach den verfügbaren Spielern, aber er sieht sich selbstverständlich auch an, warum das letzte Spiel verloren ging. Wer nur die Habenseite liest, betreibt keine Strategie, sondern Bilanzkosmetik.
Für eine Institution mit Aufarbeitungsbedarf hat diese Verkürzung eine bequeme Funktion. „Aufhören, dem Fehlenden nachzutrauern“ klingt nach Zuversicht. Es lässt sich aber auch lesen als: nicht mehr so genau hinschauen. Buß meint das vermutlich nicht so. Aber ein Impuls, der den Mitgliederschwund ohne jedes Wort über die Gründe in einen Motivationsspruch verwandelt, leistet genau das.
Der Gott, der nicht nach Defiziten fragt
Dann folgt der theologische Satz: „Gott fragt nicht zuerst nach dem, was uns fehlt. Er schaut auf das, was er in uns hineingelegt hat“. Eingeleitet wird er mit einem vorsichtigen „Vielleicht“ – um im nächsten Atemzug zu wissen, wohin Gott schaut. Woher Buß das weiß, verrät er nicht. Vergleichen wir es also mit dem, was seine eigene Kirche lehrt.
Jede Messe beginnt mit einer Defizitinventur. Im Schuldbekenntnis bekennen die Gläubigen, „dass ich Gutes unterlassen und Böses getan habe“, und zwar „durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld“. Paulus fasst die Lage der Menschheit so zusammen: „Alle haben ja gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren“ (Röm 3,23). Der Katechismus beschreibt die Erbsünde als Verlust der ursprünglichen Heiligkeit und Gerechtigkeit (KKK 405). Das gesamte Heilsangebot beruht auf einem Mangel, den nur die Kirche verwalten kann. Ein Gott, der nicht nach Defiziten fragt, hätte für diese Kirche keine Verwendung.
(öffnet in neuem Tab)
(öffnet in neuem Tab)„Wer nicht hat, dem wird genommen“
Am deutlichsten wird es ausgerechnet dort, wo Buß‘ Formulierung herkommt. Ein Gott, der schaut, „was er in uns hineingelegt hat“: Das ist das Gleichnis von den anvertrauten Talenten, auf das Buß schon in seinem Erntedank-Impuls angespielt hatte (unsere Kritik). Dort schaut der Herr tatsächlich auf das Hineingelegte – wie ein Gläubiger auf die Rendite. Der Diener, der sein Talent vergraben hat, wird nicht ermutigt, sondern verworfen: „Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein“ (Mt 25,30).
Und der Vers davor liest sich wie eine Antwort auf Klopp: „Denn wer hat, dem wird gegeben werden und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat“ (Mt 25,29). Das ist das Gegenteil eines Gottes, der über Fehlendes großzügig hinwegsieht. Für die grundsätzliche Frage gilt ohnehin das bekannte Entweder-oder: „Wer aber nicht glaubt, wird verurteilt werden“ (Mk 16,16).
Daran ändert auch die moderne Katechismussprache nichts, die die Hölle als „Selbstausschließung“ aus der Gemeinschaft mit Gott umschreibt (KKK 1033). Das ist keine Milderung, sondern Verschleierung: Die Drohung bleibt, sie klingt nur höflicher – und überlässt die Feuerofen-Variante den Fundamentalisten, die den Text beim Wort nehmen. Buß‘ freundlicher Gott ist nicht der Gott seiner Quellen. Er ist ein Coach, den man aus dem Trainerseminar ausgeliehen und mit einem Heiligenschein versehen hat.
Was bleibt, wenn man Gott herausstreicht
Macht man den Test, den wir bei Buß regelmäßig anwenden, und streicht den Gottesabsatz, fehlt dem Text nichts. Die Botschaft – vorhandene Stärken erkennen und nutzen – stammt aus Coaching, Sportpsychologie und dem Gesundheitsmodell der Salutogenese, das der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky entwickelt hat und das bewusst nach Ressourcen statt nur nach Krankheitsursachen fragt. Nichts davon braucht einen Gott, der etwas „hineingelegt“ hat. Begabungen, Erfahrungen und Gemeinschaft sind das Ergebnis von Anlagen, Bildung und anderen Menschen. Man kann für sie dankbar sein, ohne einen himmlischen Gläubiger, der am Ende die Zinsen eintreibt.
Eine säkular-humanistische Bestandsaufnahme sähe so aus:
- Beide Spalten lesen. Ressourcen nutzen und Ursachen benennen schließen sich nicht aus. Wer Mitglieder verliert, fragt nach den Gründen, statt den Verlust als Stimmung zu behandeln.
- Verantwortung übernehmen, wo sie liegt. Die Empfehlungen der Aufarbeitungskommission umsetzen, raus mit den Akten, Betroffene angemessen entschädigen und die eigene Lehre auf die Strukturen prüfen, die Missbrauch und Vertuschung begünstigt haben.
- Mit dem Eigenen auskommen. Eine Organisation, die auf das schauen will, was sie hat, kann das auch ohne staatliche Krücken tun: Staatsleistungen ablösen, wie es die Verfassung seit über hundert Jahren vorsieht, und Mitgliedsbeiträge selbst einziehen.
- Zuversicht ohne Drohkulisse. Mut, der auf Einsicht und Zusammenarbeit beruht, braucht keine äußerste Finsternis für diejenigen, die ihr Talent nicht vermehren.
Das Klopp-Prinzip, konsequent angewandt, lautet für ein Bistum mit 400 Kirchen, Millionen aus Steuer- und Staatskassen und einem 300-seitigen Bericht über eigenes Versagen nicht: Schaut nicht auf das, was fehlt. Es lautet: Schaut endlich genau hin, was ihr habt. Auch auf das, was ihr angerichtet habt.
Belege und Quellen
- Stefan Buß: „Wir haben auf das geschaut, was wir haben“, Osthessen|News, 7. Oktober 2026 (kommentierter Primärtext)
- hessenschau: Kirchen in Hessen verlieren weiter Mitglieder, 16. März 2026
- hessenschau: Bistum Fulda will die Zahl seiner Kirchen halbieren
- hessenschau: Kirchen unter Spardruck: Weniger Gläubige, Geld und Gebetsräume
- hessenschau: Die letzten Priesterweihen im Bistum Fulda für viele Jahre
- Deutsche Bischofskonferenz: Katholische Kirche in Deutschland – Eckdaten 2012
- epd/evangelisch.de: Missbrauch: 37 Beschuldigte im Bistum Fulda, 17. Juni 2025
- hessenschau: Bistum Fulda zieht erste Konsequenzen aus Missbrauchsbericht
- Tagesspiegel/KNA: Jedes vierte Kirchenmitglied denkt an Austritt (Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung)
- Tobias Kläden: Statement zur Vorstellung der 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, DBK 2023
- Finanzfluss: Wohin die Kirchensteuer wirklich fließt (IW-Schätzung Kirchensteuer 2025)
- epd/evangelisch.de: Häufige Fragen zu Staatsleistungen und Kirche, 23. August 2024
- Hessischer Landtag: Staatliche Förderung von Religionsgemeinschaften, Drs. 19/3122
- Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 405 und 1033; Schuldbekenntnis (Confiteor) der Heiligen Messe
- Einheitsübersetzung 2016: Röm 3,23, Mt 25,14–30, Mk 16,16
- AWQ: Scheune oder Feuer: Krannichs Erntedank ohne Adressaten · Danke an die falsche Adresse: Stefan Buß und das Erntedankfest















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