Drei Augen, ein blinder Fleck – Buß, Maria und Elisabeth

Lesezeit: ~ 6 Min.

Darum geht es

Buß deutet die Begegnung von Maria und Elisabeth als Lehrstück über vergleichsfreies, gemeinsames Sehen – doch der Bibeltext erzählt das Gegenteil, und seine eigene Kirche liefert die Gegenbeispiele gleich mit: vom Missbrauchsbericht bis zum Pfarrer, der Fragen nicht mehr beantwortet.

Ein Relief mit drei Augen

Stadtpfarrer Stefan Buß hat für seinen aktuellen Impuls auf Osthessen|News ein Kunstwerk mitgebracht: ein Relief der Fuldaer Benediktinerin Lioba Munz, das die Begegnung von Maria und Elisabeth zeigt. Die beiden Frauen teilen sich darauf drei Augen. Das mittlere gehört beiden zugleich.

Daraus entwickelt Buß eine Botschaft: Wer einem Menschen wirklich begegnet, lernt, mit dessen Augen zu sehen. Maria und Elisabeth hätten allen Anlass gehabt, sich zu vergleichen – wer wichtiger ist, wer gesegneter, wer die größere Geschichte hat. „Doch davon ist nichts zu spüren.“ Stattdessen: Freude, Anerkennung, Nähe. Das dritte Auge stehe für das gemeinsame Sehen, für Begegnung ohne Urteil, und sei damit auch ein Bild für eine Kirche, die unterschiedliche Perspektiven brauche. Am Ende die Einladung, jemandem mit anderen Augen zu begegnen: dem schwierigen Nachbarn, dem vorschnell Beurteilten, dem, der Aufmerksamkeit braucht.

Gegen Perspektivübernahme ist nichts einzuwenden. Gegen die Behauptung, die Bibel erzähle hier davon, sehr wohl. Und gegen die Vorstellung, ausgerechnet die katholische Kirche sei ein Modell für das Sehen mit den Augen der anderen, noch etwas mehr.

„Wer bin ich?“ – der Vergleich, den es angeblich nicht gibt

Man muss nur aufschlagen, was Buß nacherzählt. Als Maria eintritt, hüpft das Kind in Elisabeths Leib, und Elisabeth ruft: „Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ (Lk 1,42–43).

Das ist exakt der Vergleich, von dem angeblich nichts zu spüren ist. „Wer bin ich?“ ist keine Frage auf Augenhöhe, sondern eine Rangbestimmung: Die ältere Frau, Ehefrau eines Priesters, ordnet sich der jungen unter, weil diese den Höheren trägt. Selbst der ungeborene Johannes macht den Kotau. Lukas baut seine gesamte Kindheitsgeschichte als Parallele zweier Geburten, bei der die eine die andere jeweils überbietet – angekündigt, gezeugt, geboren, und immer ist Jesus der Größere. Im Johannesevangelium bringt der erwachsene Täufer das Programm auf den Punkt: „Er muss wachsen, ich aber geringer werden“ (Joh 3,30).

Und Maria? Sie antwortet nicht mit einem Kompliment an Elisabeth, sondern mit einem Lied über sich selbst und ihren Gott: „Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter“ (Lk 1,48). Bescheidenheit klingt anders. Die Szene ist keine Begegnung zweier Frauen, die einander ohne Wertung wahrnehmen. Sie ist eine Huldigung mit klarer Hierarchie – genau das, was Buß ihr abspricht.

Das Magnificat: Sehen mit Urteil

Auch der Gedanke, die Begegnung lebe davon, dass Menschen einander nicht beurteilen, scheitert am unmittelbar folgenden Text. Marias Lobgesang ist ein Gerichtslied: Gott „zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen“ (Lk 1,51–53).

Das kann man als soziale Utopie lesen, und das ist es auch. Aber es ist das Gegenteil von urteilsfreiem Wahrnehmen. Es sortiert die Welt in Hochmütige und Niedrige, Mächtige und Gestürzte, Satte und Leerausgehende. Buß lässt das Magnificat in seinem Impuls schlicht weg. Es hätte nicht ins Bild gepasst.

Die eine Frage zu viel

Argumentativ trägt der Impuls ohnehin wenig. Das Wort „vielleicht“ hält ihn zusammen: Vielleicht will das Bild etwas sagen, vielleicht ist das die Botschaft, vielleicht lädt es zu einer Frage ein. Aus einer künstlerischen Gestaltungsentscheidung – drei Augen statt vier – wird eine Lehre herausgelesen, die man mit gleicher Berechtigung jedem beliebigen Doppelporträt unterschieben könnte. Das ist Assoziation, nicht Auslegung.

Interessant ist, was Buß in seine Liste der Perspektivfragen einreiht. Was hat dieser Mensch erlebt, was trägt er mit sich, wonach sehnt er sich – das sind gute Fragen. Dann folgt die vierte: wo Gott vielleicht schon längst in seinem Leben wirke. Mit dieser einen Frage kippt das Ganze. Aus Empathie wird Missionsblick. Man versucht nicht mehr, die Welt mit den Augen des anderen zu sehen, sondern im anderen das zu finden, was man selbst ohnehin schon zu wissen glaubt.

Wir machen den bekannten Test: Streicht man Gott aus dem Impuls, fehlt ihm nichts. Die Idee, sich in andere hineinzuversetzen, ist ein Grundbaustein säkularer Ethik. Adam Smith beschrieb schon 1759 in seiner „Theorie der ethischen Gefühle“, wie Mitgefühl entsteht, indem wir uns in die Lage des anderen versetzen. Die Psychologie nennt es Perspektivübernahme, die Entwicklungsforschung untersucht, wie Kinder sie lernen. Kein drittes Auge, kein Heiliger Geist, keine Jungfrauengeburt erforderlich.

Ich sehe dich – bis du Fragen stellst

Am Schluss formuliert Buß ein kleines Bekenntnis: Ich schaue dich an, ich sehe dich, ich versuche, die Welt mit deinen Augen zu sehen. Er empfiehlt das besonders gegenüber Menschen, mit denen man sich schwertut.

Wir können dazu aus eigener Erfahrung beitragen. Wir haben Stefan Buß in der Vergangenheit Rückfragen zu seinen Impulsen gestellt. Einige hat er beantwortet. Dann teilte er mit, er werde uns nicht mehr schriftlich antworten – und daran hält er sich seither zuverlässig. Für jemanden, der wöchentlich öffentlich dazu aufruft, gerade jenen mit offenen Augen zu begegnen, mit denen man sich schwertut, ist das eine bemerkenswerte Auslegung des eigenen Ratschlags. Offenbar gilt das gemeinsame Sehen nur, solange der andere nicht zurückschaut.

Man muss niemandem ewig antworten. Aber wer Begegnung predigt und sie verweigert, sobald jemand mit anderer Perspektive nachfragt, sollte das „Ich sehe dich“ vielleicht nicht ganz so feierlich ins Schaufenster stellen. Die drei Augen des Reliefs schauen einander an. Buß schaut weg.

Der blinde Fleck am Bischofshaus

Noch schwerer wiegt, was Buß mit seinem Bild für die Kirche nicht sagt. Im Juni 2025 legte die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Bistum Fulda ihren Abschlussbericht vor: 37 beschuldigte Priester und Kapläne, mindestens 120 Betroffene seit 1945, ein Dunkelfeld, das die Kommission auf ein Mehrfaches schätzt (epd/evangelisch.de). Bis 2000 seien Beschuldigte in aller Regel mit Nachsicht behandelt worden, damit das Ansehen der Kirche keinen Schaden nehme. Kommissionssprecher Gerhard Möller fasste es in einem Satz zusammen, der wie eine Antwort auf diesen Impuls klingt: „Man war blind für das Leid der Betroffenen“ (Vatican News). Bischof Michael Gerber räumte Schuld des Bistums ein und bat um Entschuldigung.

Blind. Nicht mit drei Augen, sondern mit keinem. Die Kirche hat jahrzehntelang sehr genau gesehen – nur mit den Augen der Täter und der Institution, nicht mit denen der Kinder. Und genau eine Woche vor diesem Impuls wurde an der Außenmauer des Fuldaer Bischofshauses der „Schmerzpunkt“ der Künstlerin Susanne Wagner angebracht, ein roter Punkt mit ausgespartem Kreuz, der an die Betroffenen erinnern soll (Osthessen|News; dazu auch unser Beitrag).

Anzeige
Religion: Das CHRISTal Meth der Weltanschauungen - Unisex Pullover Pink (öffnet in neuem Tab)
Religion: Das CHRISTal Meth der Weltanschauungen - Unisex Pullover Pink
Zum Produkt (öffnet in neuem Tab)
jesus liebt dich nicht! - Tasse zweifarbig Weiß/Gelb (öffnet in neuem Tab)
jesus liebt dich nicht! - Tasse zweifarbig Weiß/Gelb
Zum Produkt (öffnet in neuem Tab)

Zwei Kunstwerke in einer Stadt, eine Woche Abstand. Buß wählt für seine Meditation über das Einander-Sehen das ältere, harmlosere. Dabei hätte sich der Schmerzpunkt angeboten wie kein zweites Motiv: ein Bild dafür, was geschieht, wenn eine Institution sich weigert, mit den Augen der anderen zu sehen. Stephan Auth vom Betroffenenbeirat sagte bei der Einweihung: „Auf die Haltung kommt es an.“ Sie zeige sich in den vielen kleinen Begegnungen, in denen Betroffene als Gegenüber ernst genommen werden. Das ist die konkrete Version dessen, was Buß abstrakt empfiehlt. In seinem Impuls kommt sie nicht vor. Schon in der Vorwoche hatten wir bemerkt, dass der Bericht bei Buß fehlt (Inventur ohne Schuldspalte). Der blinde Fleck hat offenbar System.

Ein Bild für die Kirche? Zwei Frauen, kein Altar

Buß erklärt das Relief ausdrücklich zum Kirchenbild: Man brauche nicht denselben Blick, sondern Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven. Das ist eine kühne Aussage über eine Organisation, die Unterschiede in Perspektive nur bis zur Sakristeitür duldet.

Die Begegnung von Maria und Elisabeth ist eine der wenigen Szenen des Neuen Testaments, in denen zwei Frauen allein im Mittelpunkt stehen, ohne dass ein Mann das Wort führt. Ausgerechnet sie wird zum Sinnbild einer Kirche, die Frauen grundsätzlich von der Weihe ausschließt. Papst Johannes Paul II. erklärte 1994 in Ordinatio sacerdotalis, die Kirche habe keinerlei Vollmacht, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und alle Gläubigen hätten sich endgültig an diese Entscheidung zu halten. Unterschiedliche Perspektiven? Gern – solange am Ende alle durch dasselbe Auge schauen: das des Lehramts.

Das andere Auge: wer das Leben nicht sehen wird

Bleibt die Frage, mit wessen Augen Buß‘ Gott eigentlich sieht. Das Johannesevangelium, aus dem auch das „Er muss wachsen“ stammt, ist da wenige Verse später sehr deutlich: „Wer an den Sohn glaubt, hat das ewige Leben; wer aber dem Sohn nicht gehorcht, wird das Leben nicht sehen, sondern Gottes Zorn bleibt auf ihm“ (Joh 3,36). Bei Markus heißt es knapper: Wer nicht glaubt, wird verurteilt werden (Mk 16,16).

Das ist die Kehrseite der Einladung zum Einander-Sehen. Der Gott, in dessen Namen Buß spricht, sieht durchaus mit Urteil – und zwar mit dem endgültigsten, das man sich vorstellen kann. Daran ändert auch die heutige Katechismussprache nichts, die die Hölle höflich als „Selbstausschließung“ umschreibt (KKK 1033). Das ist keine Milderung, sondern Verschleierung. Ein Glaube, dessen Ablehnung mit ewigem Ausschluss bewehrt ist, ist kein Blickwechsel unter Gleichen. Er ist ein Blick von oben.

Perspektivwechsel ohne drittes Auge

Was Buß im besten Sinn meint, lässt sich ohne Theologie besser sagen – und ehrlicher umsetzen:

  • Zuhören ohne Hintergedanken. Den anderen verstehen wollen, ohne vorher zu wissen, was man in ihm finden wird – also ohne die Frage, wo Gott in seinem Leben wirkt.
  • Auch den Kritikern antworten. Perspektivwechsel bewährt sich nicht beim Gleichgesinnten, sondern bei dem, der unbequeme Fragen stellt. Wer das predigt, sollte es vorleben.
  • Mit den Augen der Betroffenen sehen. Konkret heißt das: Empfehlungen der Aufarbeitungskommission umsetzen, Betroffene angemessen entschädigen, Strukturen und Lehren prüfen, die Missbrauch und Vertuschung begünstigt haben – und das Thema nicht aus der eigenen Verkündigung aussparen.
  • Gleichberechtigung statt Bildersprache. Wer unterschiedliche Perspektiven ernst meint, öffnet alle Ämter für alle Menschen, statt zwei Frauen auf einem Relief zum Kirchenbild zu erklären.
  • Begegnung ohne Drohkulisse. Respekt, der nur so lange gilt, bis jemand den Glauben ablehnt, ist keiner. Humanistische Ethik kennt keine äußerste Finsternis für Andersdenkende.

Das Relief von Lioba Munz ist ein schönes Bild. Gerade deshalb lohnt es, genau hinzusehen: Es zeigt drei Augen. Der Impuls, der es deutet, hat mindestens einen blinden Fleck. Und der liegt nicht in Bethlehem oder im Bergland von Judäa, sondern ein paar Schritte vom Fuldaer Dom entfernt, an der Mauer des Bischofshauses.

Belege und Quellen

KI

Deine Gedanken dazu?

Fragen, Lob, Kritik, Ergänzungen, Korrekturen: Trage mit deinen Gedanken zu diesem Artikel mit einem Kommentar bei!

Wenn du uns unterstützen möchtest, freuen wir uns über eine kleine Spende in die Kaffeekasse.

Bitte beachte beim Kommentieren:

  • Vermeide bitte vulgäre Ausdrücke und persönliche Beleidigungen.
  • Kennzeichne Zitate bitte als solche und gib die Quelle/n an.
  • Wir behalten uns vor, rechtlich bedenkliche oder anstößige Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Schreibe einen Kommentar

Ressourcen

Gastbeiträge geben die Meinung der Gastautoren wieder.

AWQ unterstützen

Jetzt einfach, schnell und sicher online bezahlen – mit PayPal.

Wikipedia-Zitate werden unter der Lizenz Creative Commons Attribution/Share Alike veröffentlicht.