Darum geht es
Die Bischöfe feiern steigende Erwachsenentaufen als Erfolg, obwohl auf jede dieser Taufen in Deutschland über hundert Kirchenaustritte kommen und Erzbischof Koch selbst einräumt, dass Glaube vor allem durch Familientradition weitergegeben wird und nicht durch Überzeugung.Die Erfolgsmeldung
Neben Sorgen über AfD und Antisemitismus (siehe Teil 1) hatten die Bischöfe in Fulda auch eine gute Nachricht im Gepäck: Erwachsenentaufen nehmen in Europa zu. Osthessen|News nennt für den Zeitraum 2019 bis 2025 Zuwächse von 210 Prozent in Frankreich, 140 Prozent in Schweden, 119 Prozent in Belgien und 28 Prozent in Deutschland. Bischof Heiner Wilmer bremste die Euphorie allerdings selbst. Laut Videoaufzeichnung sagte er:
„Die Analyse der Zahlen in Frankreich zeigt, der deutliche Anstieg der Erwachsenentaufen ist keine Trendumkehr der Säkularisierung.“
Das ist der ehrlichste Satz der Pressekonferenz. Es lohnt sich, ihn mit Zahlen zu unterfüttern, denn die Prozentangaben verdecken mehr, als sie zeigen.
Was die Prozente verschweigen
Laut der Statistikbroschüre der Bischofskonferenz wurden 2025 in Deutschland 2.650 Menschen ab 14 Jahren katholisch getauft, 28 Prozent mehr als im Vorjahr. Die 28 Prozent beziehen sich also auf ein einziges Jahr und nicht, wie der Zeitungsbericht nahelegt, auf den Zeitraum seit 2019. Und 2.650 ist kein Rekord: 2017 waren es 3.376 Erwachsenentaufen. Der „Boom“ hat das Niveau von vor acht Jahren noch nicht wieder erreicht.
Dem stehen im selben Jahr 307.117 Kirchenaustritte gegenüber. Auf eine Erwachsenentaufe kommen damit rund 116 Austritte. Die Gesamtzahl aller katholischen Taufen sank von 116.274 auf 109.002, im Jahr 2017 waren es noch 169.751. Insgesamt verlor die katholische Kirche in Deutschland 2025 rund 550.000 Mitglieder und zählt jetzt noch 19,2 Millionen, das sind 23 Prozent der Bevölkerung. Wir hatten die Jubelmeldungen über Erwachsenentaufen bereits im April eingeordnet. Die neuen Zahlen ändern am Befund nichts.
Auch das französische Vorbild relativiert sich bei genauerem Hinsehen. Zu Ostern 2026 wurden in Frankreich 13.234 Erwachsene getauft, 2016 waren es 4.124. Das ist ein echter Anstieg. Gleichzeitig sank die Gesamtzahl der Taufen in Frankreich von rund 262.300 im Jahr 2015 auf gut 175.600 im Jahr 2024, weil immer weniger Eltern ihre Kinder taufen lassen. Mehr Erwachsene, weniger Kinder, unter dem Strich deutlich weniger Taufen.
Hinzu kommt ein methodisches Problem, das in keinem der Berichte auftaucht. Die deutsche Statistik zählt als „Erwachsene“ alle ab 14 Jahren, weil hierzulande mit 14 die Religionsmündigkeit beginnt. Die französische Bischofskonferenz weist Erwachsene ab 18 und Jugendliche separat aus. Wer Zuwachsraten aus beiden Ländern nebeneinanderstellt, vergleicht unterschiedliche Gruppen.
Der Gott, der nachts wach ist
Was die Neugetauften suchen, beschrieb Wilmer laut Osthessen|News so: Sie lernten, dass es jemanden gebe, zu dem sie beten können, „der immer da ist – auch nachts“.
Das ist ein Trostargument, kein Wahrheitsargument. Dass eine Vorstellung tröstet, sagt nichts darüber, ob ihr etwas entspricht. Auch ein imaginärer Freund ist immer da, auch nachts, und er widerspricht nie. Die französischen Bischöfe berichten, dass viele Taufbewerber nach schwierigen Lebenserfahrungen kommen. Gerade Menschen in Krisen ein unsichtbares Gegenüber anzubieten, ist seelsorgerisch verständlich, aber es ist keine Antwort auf die Frage, ob dieses Gegenüber existiert.
Und der Satz hat eine Kehrseite, die die Bischöfe nicht erwähnen. Der Gott, der immer da ist, sieht auch immer zu. Nach christlicher Lehre ist er nicht nur Zuhörer, sondern auch Richter, und wer nicht glaubt, wird nach Mk 16,16 verdammt. Ein Gegenüber, das nachts zuhört und am Ende über ewige Strafe entscheidet, ist kein harmloses Angebot zur Lebensbegleitung. Die moderne Kirchensprache lässt diese Seite gern weg; zur vollständigen Beschreibung des Angebots gehört sie dazu.
Wer nachts tatsächlich da ist, sind übrigens Menschen. Die Telefonseelsorge in Deutschland, ökumenisch getragen, beruht auf Tausenden Ehrenamtlichen, die zuhören, wenn niemand sonst wach ist. Das verdient Anerkennung, auch von säkularer Seite. Es zeigt aber auch, dass die Hilfe in der Nacht von Menschen kommt und nicht von oben.
Koch und die „Erstevangelisierung“
Am Mittwoch predigte der Berliner Erzbischof Heiner Koch vor den versammelten Bischöfen. Seine Predigt beginnt mit Neid auf Paris: 800.000 Menschen hätten dort mit Papst Leo XIV. Eucharistie gefeiert. Bei einem Papstbesuch in Berlin, so seine Befürchtung, gäbe es vor allem Demonstrationen, wie beim Besuch von Johannes Paul II., den Koch „vor genau 20 Jahren“ verortet. Johannes Paul II. war im Juni 1996 in Berlin, also vor dreißig Jahren. Das ist ein Detail, aber es passt zum Umgang mit Zahlen in dieser Woche.
Interessanter ist Kochs Lagebeschreibung. Im Osten Deutschlands hätten die meisten Menschen noch nie persönlichen Kontakt zu Glauben und Kirche gehabt. Man spreche deshalb zu Recht „nicht von Neuevangelisierung, sondern von Erstevangelisierung“. Als wichtigsten Grund für die Entfremdung nennt Koch, dass die Familie als Ort der Glaubensweitergabe ausfalle. In Berlin würden nur 35 Prozent der Kinder aus Familien mit mindestens einem katholischen Elternteil getauft. Das sei auf Dauer bedrohlicher als viele kirchliche Problemfelder.
Koch spricht damit unfreiwillig aus, was Religionssoziologen seit Langem beschreiben: Religion wird überwiegend vererbt. Ob jemand katholisch, evangelisch, muslimisch oder konfessionsfrei ist, hängt vor allem davon ab, wo und bei wem er aufgewachsen ist, und kaum davon, welche Lehre er nach Prüfung für wahr hält. Wenn ein Erzbischof den Ausfall der Familie als größte Bedrohung bezeichnet, räumt er ein, dass der Glaube ohne frühe Prägung kaum Chancen hat. Für eine Lehre, die für sich Wahrheit beansprucht, ist das ein bemerkenswertes Eingeständnis.
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(öffnet in neuem Tab)Und welche „kirchlichen Problemfelder“ sind weniger bedrohlich als sinkende Kindertaufen? Koch nennt sie nicht. Angesichts der Tagesordnung derselben Vollversammlung, auf der auch die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs stand, hätte man gern gewusst, wie diese Rangfolge gemeint ist.
Die säkular-humanistische Sicht
Aus säkularer Sicht ist die Erwachsenentaufe die einzige Form der Kirchenmitgliedschaft, gegen die sich wenig einwenden lässt. Wer sich als erwachsener Mensch nach Prüfung für einen Glauben entscheidet, nimmt seine Religionsfreiheit wahr. Das Problem ist die Kindertaufe: eine lebenslange Mitgliedschaft mit Kirchensteuerpflicht, über die ein Säugling nicht entscheiden kann. Dass immer weniger Eltern ihre Kinder taufen lassen, ist deshalb keine Bedrohung, sondern ein Gewinn an Selbstbestimmung. Die Kinder können später selbst entscheiden, und manche von ihnen tun das ja offenbar auch.
Wenn die Bischöfe es ernst meinen mit der bewussten Entscheidung, die sie an den Erwachsenentaufen loben, dann wäre die Konsequenz naheliegend: Kirchenmitgliedschaft nur noch auf eigenen Wunsch und ab Religionsmündigkeit. Für alle, die ohne eigenes Zutun Mitglied geworden sind, gibt es übrigens einen Weg in die Gegenrichtung, und der Oktober ist traditionell ein guter Monat dafür.
Wer Sinn und Halt sucht, und das tun die französischen Neugetauften nach eigenen Angaben, findet beides auch ohne übernatürliche Annahmen: in Beziehungen, in Gemeinschaft, in Engagement für andere, in Beratung und Therapie, wenn es nötig ist. Säkulare Organisationen haben hier sicher Nachholbedarf gegenüber dem dichten Netz kirchlicher Angebote. Das ist allerdings kein Argument für die Wahrheit des Glaubens, sondern für eine Infrastruktur, die zum großen Teil mit öffentlichen Mitteln finanziert wird.
Fazit
Die Erwachsenentaufen steigen, und das ist für die Betroffenen eine persönliche Entscheidung, die man respektieren kann. Als Trendwende taugt sie nicht, und das hat Wilmer selbst gesagt. Auf jede Erwachsenentaufe kommen über hundert Austritte, die Gesamtzahl der Taufen sinkt in Deutschland wie in Frankreich. Und Erzbischof Koch hat in seiner Predigt beschrieben, warum: Glaube hält sich vor allem dort, wo er in der Familie weitergegeben wird. Wo das wegfällt, beginnt nicht die Erstevangelisierung, sondern die Freiheit, selbst zu wählen.
Teil 2 der Mini-Serie zur Herbst-Vollversammlung. Teil 1 behandelt „Antisemitismus ist Sünde“ und die AfD, Teil 3 die Predigten über Ijob und die Erzengel, Teil 4 Organspende, Leihmutterschaft und Suizidhilfe. Zur KI-Enzyklika siehe „Eine KI liest die KI-Enzyklika – und die Bischöfe in Fulda“.
Quellen
- Osthessen|News: „Antisemitismus ist eine Sünde“ – so endet die Deutsche Bischofskonferenz (1.10.2026), inkl. Videobeitrag
- Osthessen|News: Glauben in einer glaubensfernen Gesellschaft – Erzbischof Koch predigt (30.9.2026)
- Kathpress: Kirche verzeichnet mehr Erwachsenentaufen trotz Mitgliederrückgang (8.8.2026)
- pro Medienmagazin: Mehr Erwachsene ließen sich 2025 katholisch taufen (Vergleichszahlen 2017)
- Deutsche Bischofskonferenz: Kirchenstatistik 2025
- katholisch.de: 307.000 Kirchenaustritte – katholische Kirche schrumpft langsamer
- Kirche+Leben: Frankreich – auch 2026 wieder steigende Taufzahlen
- domradio.de: Leo XIV. erstaunt über hohe Zahl von Erwachsenentaufen in Frankreich (Gesamtzahl der Taufen 2015/2024)
- CNA Deutsch: Über 20.000 Erwachsene und Jugendliche zu Ostern in Frankreich getauft (Motive der Taufbewerber)
- katholisch.de: Als Papst Johannes Paul II. das wiedervereinte Deutschland besuchte (Juni 1996)
- Gesetz über die religiöse Kindererziehung, § 5 (Religionsmündigkeit)














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