Umsonst treu – Ijob, Gottesfurcht und Erzengel in den Predigten von Fulda

Lesezeit: ~ 6 Min.

Darum geht es

In ihren Predigten zur Vollversammlung machen Wilmer und Koch den gequälten Ijob zum Vorbild für unbedingte Treue und erklären Gottesfurcht zum höchsten Bildungsziel, während Heße mit Erzengeln die Kirche vor Selbstüberhöhung warnt und dabei an der eigenen Institution vorbeiredet.

Eine Woche mit Ijob

Die katholische Leseordnung sah in der Woche der Vollversammlung Texte aus dem Buch Ijob vor, und so predigten gleich zwei Bischöfe über den Mann aus dem Land Uz. Bischof Heiner Wilmer eröffnete die Versammlung am Montag im Fuldaer Dom mit Ijob, Erzbischof Heiner Koch griff ihn am Mittwoch in der Michaelskirche wieder auf. Dazwischen predigte der Hamburger Erzbischof Stefan Heße am Fest der Erzengel über Michael, Gabriel und Raphael. Alle drei Predigten hat Osthessen|News veröffentlicht.

Für beide Ijob-Prediger ist die Botschaft dieselbe: Ijob verliert alles, versteht nichts und bleibt trotzdem treu. Wilmer fasst das in die Formel „umsonst treu, trotz allem treu“, Koch macht daraus das Glaubenszeugnis, das Christen heute ablegen könnten. Bevor man das als Vorbild empfiehlt, sollte man sich ansehen, was in dem Buch eigentlich passiert.

Was im Buch Ijob steht

Am Anfang steht eine Wette. Der Satan fragt, ob Ijob nur deshalb fromm sei, weil es ihm gut gehe, und Gott lässt sich darauf ein. Er gibt alles, was Ijob gehört, in die Hand des Satans (Ijob 1,12). Daraufhin werden Ijobs Knechte erschlagen, seine Herden geraubt, und ein Sturm bringt das Haus zum Einsturz, in dem seine sieben Söhne und drei Töchter feiern. Alle zehn sterben (Ijob 1,18–19). Danach wird Ijob selbst mit Geschwüren geschlagen.

Als Ijob endlich eine Antwort verlangt, erhält er keine Begründung, sondern eine Machtdemonstration: „Wo warst du, als ich die Erde gegründet?“ (Ijob 38,4). Am Ende bekommt er seinen Besitz doppelt zurück und wieder sieben Söhne und drei Töchter (Ijob 42,10–13). Die toten Kinder werden ersetzt wie die Kamele.

Wilmer sagt in seiner Predigt sinngemäß, Gott helfe Ijob nicht, sein Leid zu verstehen, aber er helfe ihm, es zu bestehen. Das klingt tröstlich, solange man vergisst, wer das Leid nach der Erzählung verursacht hat. Es ist derselbe Gott, der den Satan gewähren ließ. Wer erst das Haus anzündet und dann beim Ertragen des Verlusts beisteht, wird in keiner menschlichen Ethik als Helfer gefeiert. Das Theodizee-Problem ist damit nicht gelöst, es wird nur in Demut verpackt. Epikur hat es vor über zweitausend Jahren auf den Punkt gebracht, und an seinem Dilemma ändert auch die schönste Ijob-Predigt nichts.

Koch geht einen Schritt weiter. Ijob ziehe Gott nicht auf die Ebene des menschlichen Verstehens herab, denn „ein Gott, den wir im Griff hätten“, wäre nicht mehr der unfassbare Gott. Das ist eine Immunisierungsstrategie: Jeder Einwand gegen Gottes Güte wird zum Beweis seiner Größe umgedeutet. Wenn Gott gut ist, ist er gut; wenn er grausam erscheint, verstehen wir ihn nicht. Eine Behauptung, die mit jedem denkbaren Zustand der Welt vereinbar ist, sagt über die Welt nichts mehr aus.

Gottesfurcht ohne Furcht

Wilmer stützt sich auf den Satz „Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit“ (Ps 111,10) und beeilt sich, das Wort umzudeuten: Gottesfurcht klinge zunächst nach Angst, gemeint sei aber Ehrfurcht. Diese Umdeutung ist bequem, aber biblisch nicht gedeckt. Das hebräische Wort umfasst Ehrfurcht und Furcht, und das Neue Testament lässt keinen Zweifel daran, wovor man sich fürchten soll: „Fürchtet euch vielmehr vor dem, der Seele und Leib in der Hölle verderben kann“ (Mt 10,28). Die Gottesfurcht der Bibel ist die Furcht vor einem Richter, der ewig straft. Wer sie in eine sanfte Ehrfurcht verwandelt, mildert damit nicht die Lehre, sondern verschleiert sie.

Aus dieser Gottesfurcht leitet Wilmer seine zentrale These ab, die er selbst als zugespitzt bezeichnet:

„Ehrfurcht vor Gott ist das höchste Bildungsziel.“

Wissen allein reiche nicht, Persönlichkeitsentwicklung sei zu wenig. Das mag nach Predigtrhetorik klingen, ist aber in Deutschland geltendes Verfassungsrecht in mehreren Ländern. Die Bayerische Verfassung nennt in Art. 131 die „Ehrfurcht vor Gott“ an erster Stelle der obersten Bildungsziele, die Verfassung von Nordrhein-Westfalen in Art. 7 als „vornehmstes Ziel der Erziehung“. Für die vielen konfessionsfreien Schülerinnen und Schüler in diesen Ländern ist das eine Zumutung: Der Staat, der zur weltanschaulichen Neutralität verpflichtet ist, erklärt ein religiöses Gefühl zum Erziehungsziel.

Bemerkenswert ist, wogegen Wilmer seine Bildungsidee richtet. Ehrfurcht beginne mit der Einsicht, „nicht der Chef“ zu sein, der Mensch sei nicht das Maß aller Dinge. Das ist eine direkte Absage an den Satz des Protagoras, der seit der Antike als Gründungsformel des Humanismus gilt. Wer aber soll das Maß sein, wenn nicht der Mensch? Gott spricht nicht selbst. Das Maß legen in der Praxis diejenigen fest, die für sich beanspruchen, ihn auszulegen, also Bischöfe. Die angebliche Demut vor Gott läuft auf Unterordnung unter seine Sprecher hinaus.

Die aufklärerische Antwort auf die Frage nach dem höchsten Bildungsziel ist bekannt. Kant formulierte sie 1784 als Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit: Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Das schließt Staunen, Bescheidenheit und Ehrfurcht vor der Welt keineswegs aus. Man kann über das Universum staunen, ohne einen Schöpfer anzunehmen, und man kann die Grenzen des eigenen Wissens anerkennen, ohne sie mit Gott zu füllen. Erkenntnistheoretische Bescheidenheit heißt: Ich kann mich irren, also prüfe ich. Religiöse Demut heißt: Ich soll nicht fragen, sondern vertrauen. Das Erste ist ein Bildungsziel, das Zweite das Gegenteil davon.

Das Sternenkind

Kochs Predigt endet mit einer Begegnung, die man nicht leichtfertig kommentieren sollte. Eine Mutter, die ihr Kind vor, bei oder nach der Geburt verloren hat und kein weiteres bekommen kann, fragt ihn, ob er nicht glaube, dass sie es einmal wiedersehen werde. Koch nickt stumm.

Dieses Nicken ist menschlich nachvollziehbar, und Koch beschreibt es ehrlich. Aber es ist auch ein Versprechen, für das es keine Grundlage gibt. Ein Wiedersehen nach dem Tod kann niemand zusagen, kein Bischof und kein Arzt. Gerade in einer so verletzlichen Situation stellt sich die Frage, ob Trost durch eine Zusage, die man nicht einlösen kann, wirklich das Beste ist, was man einem trauernden Menschen geben kann. Die säkulare Trauerbegleitung kennt andere Wege: dem Kind einen Namen und einen Ort geben, die Erinnerung bewahren, den Schmerz aushalten, statt ihn durch ein Jenseitsversprechen zu überbrücken. Das ist schwerer, aber es ist wahrhaftig. Kochs Schlussappell, Menschen mit ihrem Leid nicht allein zu lassen, ist richtig. Er braucht dafür keinen Ijob.

Heße und die Engel

Erzbischof Heße wählte einen anderen Zugang. Ausgehend von einer Hamburger Doktorarbeit stellt er fest, Engel hätten in der säkularen Kultur Hochkonjunktur, als Schutzengel, Begleiter und Hoffnungszeichen. Die christliche Tradition bestätige diese Sehnsucht aber nicht einfach, sondern „qualifiziere“ sie theologisch. Man könnte auch sagen: Die Kirche nutzt den esoterischen Engelmarkt als Anknüpfungspunkt und lenkt ihn auf die eigene Lehre um.

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Interessanter sind Heßes Deutungen der drei Erzengel. Michael, dessen Name „Wer ist wie Gott?“ bedeutet, erinnere daran, dass Gott absolute Priorität gebühre. Kein Mensch, kein Staat, keine Partei und, so Heße ausdrücklich, auch „keine Glaubensgemeinschaft kann sich je an Gottes Stelle erheben“. Das ist ein guter Satz, und er trifft die eigene Kirche zuerst. Sie nennt ihr Oberhaupt „Stellvertreter Christi“, hat 1870 dessen Unfehlbarkeit in Glaubens- und Sittenfragen zum Dogma erhoben, und nach dem Kirchenrecht gibt es gegen ein Urteil des Papstes weder Berufung noch Beschwerde (can. 333 § 3 CIC). Wir haben das im Zusammenhang mit der KI-Enzyklika bereits ausgeführt. Wenn sich eine Glaubensgemeinschaft näher an Gottes Stelle gesetzt hat als diese, ist sie schwer zu finden.

Bei Raphael, dem Engel der Heilung, wird Heße selbstkritisch. Welche Wunden hat die Kirche geschlagen? Er nennt die Sklaverei, geistlichen und institutionellen Machtmissbrauch, Ausgrenzung und das Nichthören auf Betroffene. Sexualisierte Gewalt nennt er nicht ausdrücklich. Das ist umso auffälliger, als Heße weiß, wovon er spricht: Das Kölner Gutachten der Kanzlei Gercke Wollschläger warf ihm im März 2021 aus seiner Zeit als Personalchef und Generalvikar elf Pflichtverletzungen im Umgang mit Missbrauchsfällen vor. Er bot dem Papst seinen Rücktritt an, Franziskus lehnte ab. Dass ausgerechnet Heße „das Nichthören auf Betroffene“ beklagt, kann man als späte Einsicht würdigen. Konkreter wäre es gewesen, zu sagen, wer nicht gehört hat.

Und dann kommt der Satz, der das Bekenntnis gleich wieder relativiert: Die Kirche müsse nicht immer alles lösen und überzeugen, manchmal gelte es einfach zu bleiben, zuzuhören, sich zuzuwenden. Für Seelsorge ist das ein guter Rat. Für eine Institution, die ihre Missbrauchsaufarbeitung nach eigener Aussage „noch am Anfang“ sieht (siehe Teil 1), ist es zu wenig. Betroffene brauchen keine Engel des Mitgehens, sondern Akteneinsicht, Anerkennungsleistungen und Verantwortliche, die Konsequenzen tragen.

Fazit

Drei Predigten, ein gemeinsamer Nenner: Der Mensch soll sich bescheiden. Er soll nicht verstehen wollen, warum Gott Leid zulässt, er soll Gott fürchten und das „Ehrfurcht“ nennen, er soll sich nicht zum Maß aller Dinge machen. Diese Bescheidenheit gilt allerdings nur in eine Richtung. Die Institution, die sie predigt, beansprucht für sich Unfehlbarkeit, unanfechtbare Urteile und das Recht, Gottes Willen auszulegen. Ein Ijob, der zu Recht Fragen stellt und keine Antwort bekommt, ist kein Vorbild für Treue. Er ist ein Beispiel dafür, warum man solchen Antworten nicht trauen sollte.

Teil 3 der Mini-Serie zur Herbst-Vollversammlung. Teil 1 behandelt „Antisemitismus ist Sünde“ und die AfD, Teil 2 die Erwachsenentaufen und Kochs „Erstevangelisierung“, Teil 4 Organspende, Leihmutterschaft und Suizidhilfe. Wer sein Wissen zur Theodizee testen möchte, findet hier das Theodizee-Quiz.

Quellen

KI

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