Darum geht es
Stefan Buß verkauft die Firmung als ergebnisoffene Glaubenssuche – tatsächlich setzt das Sakrament ein unauslöschliches Siegel auf eine Frage, für die es nur eine erlaubte Antwort gibt.Am kommenden Sonntag werden in der Fuldaer Stadtpfarrei 40 Jugendliche gefirmt, gespendet von Bischof em. Heinz Josef Algermissen. Stadtpfarrer Stefan Buß nimmt das in seinem aktuellen Impuls auf Osthessen|News zum Anlass für die Frage, warum sich junge Menschen heute überhaupt noch firmen lassen. Er referiert die Antworten seiner Firmlinge, adelt den Zweifel zur „ehrlichsten“ Haltung, erklärt die Firmung zum Anfang statt zum Abschluss und schließt mit der Frage, was Gott mit dem eigenen Leben vorhaben könnte.
Das klingt offen, jugendnah, beinahe liberal. Bei genauerem Hinsehen beschreibt der Text allerdings eine Entscheidung, bei der das Ergebnis schon feststeht, bevor die Suche beginnt.
Gemeinschaft – oder einfach Gruppendruck?
Die erste Antwort, die Buß aus seiner Firmgruppe zitiert, lautet sinngemäß: Ich lasse mich firmen, weil meine Freunde es auch tun. Buß deutet das wohlwollend als Ausdruck von Gemeinschaft. Man kann es auch nüchterner beschreiben: als sozialen Konformitätsdruck in einem Alter, in dem kaum etwas so schwer wiegt wie die Angst, außen vor zu bleiben. Dass ausgerechnet dieser Grund an erster Stelle steht, ist bemerkenswert – und keine theologische Begründung, sondern eine soziologische.
Hinzu kommen Motive, die Buß gar nicht erwähnt: Geschenke, Familienfeier, die Erwartung der Großeltern. Und ein ganz handfester kirchenrechtlicher Punkt: Wer später einmal Tauf- oder Firmpate werden will, muss selbst gefirmt sein (CIC can. 874 § 1 Nr. 3). Die Firmung ist also auch eine Zugangsberechtigung zu Ämtern im Familienritual – nicht gerade die Rahmenbedingung, unter der eine freie Glaubensentscheidung gedeiht.
Wie sehr dieses Ritual von Gewohnheit lebt, zeigen die Zahlen: Laut kirchlicher Statistik gab es 2025 in Deutschland rund 105.300 Firmungen, aber rund 152.400 Erstkommunionen. Das sind zwar nicht exakt dieselben Jahrgänge, als grober Indikator taugt der Abstand trotzdem: Zwischen Kommunionkind und Firmling geht ein erheblicher Teil verloren. Im selben Jahr traten gut 307.000 Menschen aus der katholischen Kirche aus.
Eine Entscheidung mit nur einem Ausgang
Besonders gern präsentiert Buß die Antwort, man wolle selbst entscheiden, ob und wie man glaubt. Die Firmung erscheint so als bewusste, mündige Wahl. Das Problem: Diese Wahl kennt im Ritual nur ein Ergebnis. Am Ende der Firmvorbereitung steht kein Gottesdienst, in dem Jugendliche gefeiert werden, die nach reiflicher Überlegung zu dem Schluss gekommen sind, dass sie nicht glauben. Wer „Nein“ sagt, fällt einfach still aus der Statistik. Eine Entscheidung, bei der nur eine Option öffentlich gewürdigt, vorbereitet, beschenkt und gesegnet wird, ist keine offene Entscheidung, sondern eine Bestätigung.
Dazu passt die kirchliche Definition, die Buß selbst gleich zu Beginn liefert: Die Firmung gilt als Vollendung der Taufe. Die Taufe aber haben in aller Regel die Eltern für einen Säugling entschieden. Die „eigene Entscheidung“ des Firmlings besteht also darin, eine Weichenstellung nachträglich abzuzeichnen, die andere getroffen haben, als er noch nicht sprechen konnte. Das staatliche Recht ist hier übrigens konsequenter als die Kirche: Ab 14 Jahren entscheiden Jugendliche in Deutschland selbst über ihr religiöses Bekenntnis (§ 5 des Gesetzes über die religiöse Kindererziehung) – und zwar ausdrücklich auch dagegen.
Erst besiegeln, dann herausfinden
Die interessanteste Stelle des Impulses ist die Antwort eines Firmlings, er wisse noch nicht genau, was er glaube, wolle es aber herausfinden. Buß nennt das die vielleicht ehrlichste Antwort, und man möchte ihm zustimmen. Nur: Was folgt daraus? Offenbar nicht, dass man mit dem Sakrament wartet, bis die Frage beantwortet ist.
Denn die Firmung ist nach katholischer Lehre gerade kein unverbindlicher Startschuss. Bei der Salbung spricht der Bischof die Formel „Sei besiegelt durch die Gabe Gottes, den Heiligen Geist“. Was das bedeutet, hat Papst Franziskus 2018 in einer Generalaudienz erläutert: Der Gefirmte erhält ein unauslöschliches geistliches Prägemal, den sogenannten „Charakter“. Deshalb kann die Firmung nur einmal gespendet werden. Sie lässt sich weder wiederholen noch zurückgeben.
Buß hat also recht, wenn er sagt, die Firmung sei kein Abschluss, sondern ein Anfang – allerdings in einem anderen Sinn, als er suggeriert. Sie ist der Anfang einer Zugehörigkeit, aus der man nach kirchlichem Selbstverständnis nie wieder ganz herauskommt. Einem Jugendlichen, der ausdrücklich sagt, er wisse noch nicht, was er glaubt, ein unauslöschliches Siegel aufzudrücken, ist ungefähr so, als würde man einen Vertrag auf Lebenszeit unterschreiben lassen, damit der Unterzeichner herausfinden kann, ob er ihn überhaupt will. In jedem anderen Lebensbereich hieße das nicht „Ermutigung“, sondern Überrumpelung.
Zweifel ja – aber nur als Durchgangsstation
Junge Menschen dürfen, so Buß, Fragen stellen, zweifeln und suchen. Das ist freundlich formuliert, unterschlägt aber, was passiert, wenn die Suche nicht dort endet, wo die Kirche sie haben möchte. Wer die Konsequenz zieht und austritt, bekommt es mit dem Allgemeinen Dekret der Deutschen Bischofskonferenz von 2012 zu tun: Ausgetretene sind vom Empfang der Sakramente ausgeschlossen, dürfen keine kirchlichen Ämter übernehmen und nicht Pate sein; das kirchliche Begräbnis kann ihnen verweigert werden, wenn sie vor dem Tod kein Zeichen der Reue gezeigt haben. Dahinter steht die Drohung, die das Neue Testament ohne pädagogische Weichzeichnung formuliert: Wer nicht glaubt, wird verdammt werden (Mk 16,16).
Der Zweifel ist in diesem System also willkommen – als Durchgangsstation auf dem Weg zurück zum Glauben. Als Ziel ist er sanktionsbewehrt. Von dieser Asymmetrie erfahren die Firmlinge in Buß’ Impuls nichts.
Und was das Fragenstellen angeht: Der Autor dieses Blogs hat Stefan Buß mehrfach Rückfragen zu seinen Impulsen gestellt. Einige hat er beantwortet, dann teilte er mit, er werde nicht mehr antworten – und hält sich seitdem daran. Fragen sind offenbar erwünscht, solange sie von Firmlingen kommen, die man anschließend salben kann.
Wer hier wem etwas zutraut
Zweimal betont Buß, Gott traue den Firmlingen etwas zu. Das ist eine hübsche Formel mit einem argumentativen Haken: Sie setzt voraus, was in der Firmvorbereitung eigentlich erst zu klären wäre – dass es diesen Gott gibt, dass er Absichten hat und dass die Kirche weiß, welche. Wer „herausfinden“ will, was er glaubt, bekommt hier keine Werkzeuge zur Prüfung, sondern ein fertiges Deutungsangebot, das sich selbst als Antwort ausgibt.
Am deutlichsten wird das in der Schlussfrage. Entscheidend sei auch die Frage: „Was könnte Gott mit meinem Leben vorhaben?“ Damit wird der Sinn des eigenen Lebens nach außen verlegt – in einen Plan, den ein anderer gemacht hat und den man nur noch zu entschlüsseln braucht. Ausgelegt wird dieser Plan in der Praxis natürlich nicht von Gott selbst, sondern von seinem Bodenpersonal.
Der Firmspender: wes Geistes Kind?
Womit wir beim Bodenpersonal wären. Buß erwähnt ausdrücklich, wer die 40 Jugendlichen salben wird: Heinz Josef Algermissen, von 2001 bis 2018 Bischof von Fulda, der auch als Emeritus noch firmt. Wer wissen will, welches Menschenbild den Firmlingen da die Hand auflegt, muss nicht lange suchen – Algermissen hat es über Jahre öffentlich ausgebreitet, und dieser Blog hat es ausführlich dokumentiert.
In seiner Osterpredigt 2016 stellte er, mit Blick auf die Terroranschläge von Brüssel, den Menschen ohne Auferstehungsglauben als einen dar, der zu einem „großen Sicherheitsrisiko“ für die Mitwelt werde: Hektik und Daseinsangst ließen ihn zuschlagen und zerstören, er gehe über Leichen, bevor er selbst zur Leiche werde. Konfessionsfreie Menschen erscheinen in dieser Logik als potenzielle Gewalttäter, und das ausgerechnet im Zusammenhang mit religiös motiviertem Terror. (AWQ dazu, März 2016)
Ein Jahr später zeigte er sich in seiner Osterpredigt völlig verständnislos gegenüber Christen, die sich eher eine Wiedergeburt als eine Auferstehung vorstellen können, und lieferte nebenbei eine bemerkenswert ehrliche Beschreibung, worauf der Glaube eigentlich beruht. Auferstehung widerspreche jeder Lebenserfahrung, räumte er ein, und folgerte: „Wir müssen mit dem auskommen, was glaubwürdige Zeugen uns übermittelt“ – also mit dem, was man in Verkündigung und Schule gehört habe. Genau das ist das Programm, das in der Firmvorbereitung abläuft: Überlieferung statt Überprüfung. (AWQ dazu, April 2017)
(öffnet in neuem Tab)
(öffnet in neuem Tab)Im Juli 2017, eine Woche nach der Bundestagsabstimmung über die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare, nannte Algermissen den Abstimmungstag vor dem Kongress „Freude am Glauben“ einen schwarzen Freitag, warnte vor einem gesellschaftlichen Dammbruch und erklärte: „Für mich ein klarer Verstoß gegen Artikel 6 des Grundgesetzes.“ Das Gesetz trat am 1. Oktober 2017 in Kraft; das Bundesverfassungsgericht hat es nie beanstandet. Für die Freude am Glauben eines Bischofs ist es offenbar nebensächlich, dass Ehe und Familie in diesem Land nicht von einer Bischofskonferenz definiert werden. (AWQ dazu, Juli 2017)
Und zum Jahresbeginn 2018 diagnostizierte er im „Wort des Bischofs“ auf Osthessen|News bei vielen Menschen ein Grundproblem: Sie seien unfähig zum Wagnis des Glaubens. Gott habe sich offenbart, wer ihn wirklich finden wolle, könne es schaffen. (AWQ dazu, Januar 2018)
Man lasse sich diese Konstellation auf der Zunge zergehen: Buß lobt die Antwort eines Firmlings, er wisse noch nicht, was er glaube, als die vielleicht ehrlichste. Gesalbt wird dieser Firmling von einem Bischof, für den Menschen, die nach ehrlicher Suche nicht beim Glauben landen, offenbar schlicht unfähig zum Wagnis sind – und ohne Auferstehungsglauben ein Sicherheitsrisiko. Der Zweifel, den Buß in seinem Impuls so freundlich willkommen heißt, hat in der Theologie des Firmspenders genau zwei Ausgänge: Bekehrung oder Charakterdefizit.
Hinzu kommt die Bilanz seiner Amtszeit in einem Bereich, in dem es tatsächlich um Sicherheit ging. Die unabhängige Aufarbeitungskommission, die im Juni 2025 ihren Abschlussbericht vorlegte, beschreibt 37 beschuldigte Priester und Kapläne und 120 Betroffene; ihr Vorsitzender Gerhard Möller sagte, Missbrauchsopfer seien im Bistum bis 2010 nicht beachtet worden. Dieser Zeitraum reicht weit in Algermissens Amtszeit hinein. Der Bericht spricht von Gleichgültigkeit gegenüber Betroffenen, Vertuschung und Fehlverhalten von Personalverantwortlichen der Kirchenführung; der Katholikenrat sprach von einer „Doppelmoral“. Wenn also 15-Jährigen nahegelegt wird, „Verantwortung zu übernehmen“, darf man fragen, ob die Institution, die ihnen das abverlangt, ihre eigene schon vollständig übernommen hat.
Pikant ist auch ein Satz, mit dem der Hessische Rundfunk 2018 eine Abschiedsbotschaft Algermissens überschrieb: Entscheidend sei, mit Begründung zu argumentieren. Ein guter Maßstab. Legt man ihn an Buß’ Impuls an, bleibt wenig übrig: Für die Existenz des Heiligen Geistes, für die Wirksamkeit des Chrisams und für Gottes Lebenspläne findet sich darin keine einzige Begründung – nur Behauptungen im Indikativ.
Die humanistische Alternative
Das Bedürfnis, den Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenleben zu feiern, ist berechtigt, und Buß’ Wunsch, junge Menschen sollten mit ihren Fähigkeiten die Welt ein wenig menschlicher machen, ist es auch. Nur braucht es dafür weder Öl noch Siegel noch einen Bischof. Säkulare Jugendfeiern gibt es seit dem 19. Jahrhundert; der Humanistische Verband Deutschlands richtet sie bundesweit als JugendFEIER aus und stellt Werte wie Toleranz, Selbstbestimmung, Verantwortung und Solidarität in den Mittelpunkt – ohne Glaubensbekenntnis und ohne Prägemal, das man nicht mehr loswird.
Die bessere Frage an Jugendliche lautet daher nicht, was ein Gott mit ihrem Leben vorhaben könnte, sondern: Was willst du aus deinem Leben machen – und was brauchen die Menschen um dich herum? Sinn wird nicht zugeteilt, er wird gestiftet, und zwar durch Beziehungen, Arbeit, Neugier und Verantwortung, die man sich selbst zutraut.
Allerdings gilt auch: Ein anderes Ritual allein macht noch niemanden mündig. Wer auf die Firmung verzichtet, ist dadurch nicht automatisch immun gegen Weltanschauungen, die mit denselben Mitteln arbeiten – Zugehörigkeit zur Gruppe, das schmeichelhafte Gefühl, auserwählt zu sein, und eine Autorität, die die richtigen Antworten schon kennt. Diese Mechanismen beherrschen religiöse Gemeinschaften ebenso wie populistische Bewegungen. Was Jugendliche wirklich stärkt, ist deshalb nicht ein Siegel, sondern die Fähigkeit, Behauptungen zu prüfen – auch die eigenen. Ein humanistisches Übergangsfest ist dann gut, wenn es genau das feiert: den Beginn des selbstständigen Denkens, nicht den Abschluss der Suche.
Fazit
Stefan Buß beschreibt die Firmung als Einladung zum Suchen und Zweifeln. Tatsächlich ist sie ein unwiderrufliches Siegel, das am Ende einer Vorbereitung steht, die nur einen Ausgang kennt, und hinter dem ein Sanktionsapparat für jene wartet, die sich später anders entscheiden. Wer die Antwort „Ich weiß noch nicht, was ich glaube“ wirklich ernst nähme, müsste sagen: Dann lass dir Zeit – und lass dich erst salben, wenn du es weißt. Dass dieser Satz im Impuls fehlt, ist die eigentliche Antwort auf die Frage in seiner Überschrift.
Quellen
- Stefan Buß: Warum lasse ich mich heute noch firmen?, Osthessen|News, 04.11.2026
- Bistum Mainz / DBK: Kirchliche Statistik 2025 (Zahlen für Deutschland)
- Papst Franziskus: Generalaudienz vom 30. Mai 2018 (Katechese zur Firmung)
- Codex Iuris Canonici, can. 874 § 1 Nr. 3 (Voraussetzungen für das Patenamt)
- § 5 Gesetz über die religiöse Kindererziehung
- Deutsche Bischofskonferenz: Allgemeines Dekret zum Kirchenaustritt, Pressemitteilung vom 20.09.2012; dazu Legal Tribune Online, 20.09.2012
- Osthessen|News: „Menschen ohne den Glauben an Ostern sind ein großes Sicherheitsrisiko“, 28.03.2016
- Osthessen|News: Bischof Algermissen predigte an Ostern im überfüllten Fuldaer Dom, 16.04.2017
- Osthessen|News: Algermissen: „Ehe für alle ein Verstoß gegen Grundgesetz“, 09.07.2017
- Osthessen|News: Aufbruch und Sehnsucht – Wort des Bischofs, 07.01.2018
- epd: Missbrauch: 37 Beschuldigte im Bistum Fulda, evangelisch.de, 17.06.2025
- hessenschau: Mindestens 120 Opfer von sexueller Gewalt im Bistum Fulda, 17.06.2025
- hessenschau: Bistum Fulda zieht erste Konsequenzen aus Missbrauchsbericht, Juni 2025
- hessenschau: Fuldaer Bischof Algermissen im Ruhestand, Juni 2018
- Humanistischer Verband Deutschlands: JugendFEIER 2026 – Infoheft















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