Auch Atheisten glauben an das Absolute? Anatomie eines Dauerarguments

Lesezeit: ~ 6 Min.

Zu Allerseelen hat der Account @emmauspilger auf katholisch.social einen kurzen Text veröffentlicht. Er trägt neben kirchlichen auch den Hashtag #philosophie. Seine Kernthese lautet: „Auch Atheismus glaubt an Einheit und Einzigartigkeit des Absoluten.“ Der Unterschied zum Christentum liege nur in der „Art und Weise“, wie der Mensch mit diesem Absoluten zu tun bekomme.

Das ist eine gehobene Fassung eines der langlebigsten apologetischen Argumente überhaupt: „Atheismus ist doch auch nur ein Glaube.“ Der Post ist kurz, aber er bündelt die typischen Denkfehler dieses Arguments auf engstem Raum. Deshalb lohnt sich ein genauer Blick.

Der Gedankengang in vier Schritten

Der Post argumentiert in vier Schritten:

  1. Atheismus bestreite „die Einheit allen Seins durch den Gedanken Gottes“.
  2. Seine „wirkkräftigste Form“, der Marxismus, erkläre stattdessen die Materie zum Absoluten.
  3. Dieses Absolute könne „nur wieder an Gott erinnern“. Folglich glaube auch der Atheismus an ein Absolutes.
  4. Die Sehnsucht danach sei im Menschen „schon immer angelegt“. Das zeigten Höhlenmalereien und rituelle Bestattungen.

Jeder dieser Schritte hat eine eigene Schwäche.

Atheismus bestreitet nur eines: Gott

Schon der erste Satz verschiebt den Begriff. Atheismus ist zunächst nichts weiter als die Abwesenheit eines Gottesglaubens. Ob das Sein eine „Einheit“ bildet, ob es überhaupt so etwas wie ein „Absolutes“ gibt und wie es beschaffen wäre, darüber sagt Atheismus schlicht nichts. Wer keine Briefmarken sammelt, hat dadurch kein anderes Sammelgebiet. Und wer nicht an Gott glaubt, hat deswegen keinen Ersatzgott.

Die Umdeutung hat einen strategischen Zweck. Ist Atheismus erst einmal „auch ein Glaube“, steht Glaube gegen Glaube. Dann scheint keine Seite mehr Belege zu schulden. Die Beweislast liegt aber bei dem, der eine Existenzbehauptung aufstellt, nicht bei dem, der sie mangels Belegen nicht übernimmt. Diese Asymmetrie lässt sich nicht wegdefinieren, auch nicht mit dem Vokabular der Seinsphilosophie.

Auf wenigerglauben.de haben wir das Argument schon einmal ausführlich unter die Lupe genommen: Argument #3: „Atheismus ist auch nur ein Glaube.“ Dort wird der Kern mit einem Bild aus dem Gerichtssaal erklärt. Ein Urteil lautet nicht „unschuldig“, sondern „nicht schuldig“. Wer Gott mangels Belegen nicht für existent befindet, behauptet damit nicht seine Nichtexistenz. Er weigert sich lediglich, eine unbelegte Behauptung zu übernehmen. Der Post von emmauspilger fügt dem alten Argument nur eine neue Schicht hinzu: Er unterstellt nicht nur einen Glauben, sondern gleich auch dessen Inhalt.

Der Marxismus als bequemer Pappkamerad

Der zweite Schritt greift sich ausgerechnet den Marxismus als „wirkkräftigste Form des Atheismus“ heraus. Das ist kein Zufall, denn damit liegen Sowjetunion, Gulag und Kulturrevolution assoziativ im Raum, ohne dass sie genannt werden müssen. Historische Wirkmacht macht eine Position aber nicht repräsentativ. Materialistische Weltdeutungen sind zudem rund zweitausend Jahre älter als Marx, man denke an Demokrit oder Epikur. Und die allermeisten konfessionsfreien Menschen heute sind weder Marxisten noch Anhänger irgendeiner Staatsdoktrin.

Interessanter ist, was der Vergleich unfreiwillig offenlegt. Was den Marxismus-Leninismus gefährlich machte, war nicht das Fehlen eines Gottes. Es war die Struktur einer geschlossenen Heilslehre: unfehlbare Autorität, verbindliche Doktrin, Sanktionen für Abweichler, Personenkult. Genau diese Merkmale kritisieren säkulare Humanisten an Kirchen ebenso wie an politischen Ideologien.

Daraus folgt umgekehrt auch: Konfessionsfreiheit allein ist noch keine vernünftige Weltanschauung. Sie schützt niemanden davor, auf Ideologien hereinzufallen, die mit denselben Methoden arbeiten wie religiöse. Der Marxismus taugt also nicht als Beleg dafür, dass Atheismus Religion sei. Er belegt nur, dass Dogmatismus auch ohne Gott funktioniert.

Materie ist kein Absolutes

Im dritten Schritt wird dem Materialismus unterstellt, er erhebe die Materie zum „Absoluten des Seins“. Ein naturalistisches Weltbild macht aber gerade keine Aussagen über ein unveränderliches, letztgültiges Prinzip. Was „Materie“ ist, hat die Physik seit dem 19. Jahrhundert mehrfach grundlegend neu beschrieben, von festen Atomen über Felder bis zur Quantenphysik. Wissenschaftliche Erkenntnis steht grundsätzlich unter Revisionsvorbehalt. Das ist das Gegenteil eines Absoluten.

Dann folgt der entscheidende Satz: Gerade die Darstellung dieses Absoluten könne „nur wieder an Gott erinnern“. Das ist kein Argument, sondern eine Immunisierung. Wenn auch die Abwesenheit Gottes an Gott erinnert, dann kann nichts mehr gegen ihn sprechen. Eine These, die mit jeder denkbaren Beobachtung vereinbar ist, sagt über die Welt nichts mehr aus.

Dass jemand überall Gott erkennt, sagt etwas über den Betrachter aus. So wie jemand, der in jeder Wolke ein Schaf sieht, damit noch nichts über Wolken herausgefunden hat.

Sehnsucht ist kein Beleg

Der vierte Schritt behauptet: Die „Gewissheit von und Sehnsucht nach Absolutem“ sei im Geist des Menschen „schon immer angelegt“. Für diese Behauptung bringt der Post keinen Beleg. Und selbst wenn es eine solche Sehnsucht gäbe, wäre damit nichts über die Existenz ihres Gegenstands gesagt. Menschen sehnen sich auch nach ewiger Jugend, nach Gerechtigkeit ohne Ausnahme und nach einem Wiedersehen mit ihren Toten. Kein Wunsch beweist, dass sein Gegenstand existiert. Auch dieses Argument ist ein alter Bekannter, siehe Argument #19: „Der Glaube an Götter und das Bedürfnis nach Gott sind im Menschen angelegt.“

Auch die „Gewissheit“ ist erstaunlich schlecht verteilt für etwas, das angeblich in jedem Menschen angelegt ist. Nach Berechnungen der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) waren Ende 2024 erstmals mehr Menschen in Deutschland konfessionsfrei (47 Prozent) als Mitglied der katholischen oder evangelischen Kirche (zusammen 45 Prozent). Natürlich ist nicht jeder Konfessionsfreie Atheist. Eine universelle Gewissheit vom Absoluten sieht aber anders aus.

Höhlenbilder und Gräber: Projektion in die Steinzeit

Als empirischen Beleg führt der Post die Frühgeschichte an. Der Mensch habe „in Gemälden auf Höhlenwänden die Einheit mit der Beute“ gesucht und die Toten rituell bestattet, „in einer Ahnung vom Absoluten“. Das klingt nach gesichertem Wissen. Es ist aber eine Auswahl aus umstrittenen Deutungen, ergänzt um eine theologische Pointe.

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Zur Höhlenkunst gibt es eine lange Reihe von Erklärungsversuchen, die einander je nach Zeitgeist abgelöst haben. Zwischen etwa 1900 und 1965 dominierte die Jagdzauber-These. Später wurde vor allem die Schamanismus-Deutung von Jean Clottes und David Lewis-Williams populär, die ebenfalls auf deutliche Kritik stieß. Der Prähistoriker Michel Lorblanchet kommt in seinem Handbuch zur Höhlenmalerei zu dem Schluss, dass bisher keine Theorie den geistigen Hintergrund der Bilder befriedigend erklären konnte. Von einer „Einheit mit der Beute“ steht in keiner dieser Thesen etwas. Diese Deutung bringt der Post selbst mit.

Ähnlich verhält es sich mit den Bestattungen. Das berühmteste Beispiel, das sogenannte „Blumengrab“ eines Neandertalers in der Shanidar-Höhle im Irak, ist seit Jahrzehnten umstritten. Neuere Grabungen eines Teams um Emma Pomeroy und Graeme Barker sprechen dafür, dass zumindest einige der dortigen Toten absichtlich niedergelegt wurden. Ob damit Rituale oder symbolische Vorstellungen verbunden waren, ist nach Angaben der Forscher aber weiterhin offen.

Und selbst eine sorgfältige Bestattung verlangt keine „Ahnung vom Absoluten“. Trauer, Zuneigung, der Wunsch, einen geliebten Menschen nicht den Aasfressern zu überlassen, reichen als Erklärung völlig aus. Ein Grab zeigt, dass Menschen einander geliebt haben, und nicht, dass sie ein Jenseits erwartet haben. Der Post macht die Steinzeitmenschen zu frühen Katholiken, die es nur noch nicht wussten.

Die humanistische Alternative: Einheit ohne Absolutes

Ironischerweise ist die „Einheit mit dem Ganzen“, die der Post beschwört, im naturalistischen Weltbild sehr viel konkreter zu haben als in der Theologie. Alle Lebewesen auf diesem Planeten stammen von gemeinsamen Vorfahren ab. Wir sind mit der Beute auf den Höhlenwänden tatsächlich verwandt, nicht nur symbolisch. Die Atome unserer Körper wurden zu großen Teilen in Sternen erzeugt. Diese Verbundenheit ist überprüfbar, und sie lädt zum Staunen ein, ohne dass dafür jemand eine Doktrin unterschreiben muss.

Auch für den Anlass des Posts, Allerseelen, hat eine humanistische Perspektive etwas anzubieten. Unsere Toten leben fort in dem, was sie uns gegeben, beigebracht und hinterlassen haben, in Erinnerungen, Gewohnheiten und Spuren in anderen Menschen. Das ist keine Vertröstung auf ein Wiedersehen, das niemand belegen kann. Es ist eine Form des Gedenkens, die mit der Wirklichkeit vereinbar bleibt. Epikurs Einsicht, dass der Tod uns nicht betrifft, weil er und wir nie gleichzeitig da sind, tröstet nicht jeden. Aber sie macht ehrlicher als die Behauptung, die Trauer selbst sei schon ein Hinweis auf das Absolute.

Fazit

Der Post verpackt in philosophisches Vokabular, was im Kern ein altbekannter Zug ist: Atheisten wird ein Glaube angedichtet, damit der eigene nicht mehr begründet werden muss. Dazu braucht es eine Definition von Atheismus, die kein Atheist teilt. Hinzu kommen ein Marxismus, der für alle Gottlosen haften soll, und eine These, die sich gegen jede Widerlegung abdichtet. Am Ende steht eine Steinzeit, die so lange gedeutet wird, bis sie katholisch aussieht.

Wer Atheisten unbedingt einen Glauben unterstellen muss, verrät damit vor allem eines: dass er sich eine Welt ohne Glauben nicht vorstellen kann. Das ist nachvollziehbar. Ein Argument ist es nicht.

Quellen

  • emmauspilger: Post auf katholisch.social vom 2. November 2026, katholisch.social/@emmauspilger/117545558588518415
  • wenigerglauben.de: Argument #3: „Atheismus ist auch nur ein Glaube.“, wenigerglauben.de
  • wenigerglauben.de: Argument #19: „Der Glaube an Götter und das Bedürfnis nach Gott sind im Menschen angelegt.“, wenigerglauben.de
  • Stuttgarter Zeitung/dpa: In Deutschland gibt es mehr Konfessionslose als Kirchenmitglieder (fowid-Daten Ende 2024), stuttgarter-zeitung.de
  • Giordano-Bruno-Stiftung: Erstmals mehr Konfessionsfreie als Katholiken und Protestanten in Deutschland, giordano-bruno-stiftung.de
  • bild der wissenschaft: Entzauberte Höhlenmaler (zur Jagdzauber- und Schamanismus-These), wissenschaft.de
  • Dietrich Mania: Rezension zu Michel Lorblanchet, Höhlenmalerei. Ein Handbuch, in: Germania, journals.ub.uni-heidelberg.de
  • bild der wissenschaft: Ein neuer Neandertaler aus der Shanidar-Höhle, wissenschaft.de
  • Pomeroy, E. et al.: New Neanderthal remains associated with the ‘flower burial’ at Shanidar Cave, Antiquity 94 (2020), repository.cam.ac.uk
  • University of Cambridge, Department of Archaeology: Reassessment of Neanderthal mortuary behaviour at Shanidar Cave, arch.cam.ac.uk

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