Das Fundstück der Woche ist ein älteres Reklameheft eines Adventistenvereins, das aber auch heute noch verteilt wird.
Darum geht es
Das Adventisten-Heft „Keine Angst!“ verspricht Geborgenheit, biegt dafür Bibeltexte zurecht und erzeugt mit Gericht, Satan und Sündenbewusstsein genau die Angst, die es zu heilen vorgibt.Das Heft ist aus dem Jahr 2010, aber es ist nicht Geschichte. „Keine Angst! – Eine Reise ins Land der Geborgenheit“ steht als PDF auf der Website des Herausgebers und wird bis heute von Mitgliedern verteilt. Herausgeber ist der Verein hoffnung weltweit e.V. aus Freiamt, und die 32 Seiten eignen sich gut, um zu zeigen, was dieser Verein vertritt und wie er dabei argumentiert. Das Thema Angst ist klug gewählt. Kaum ein Gefühl macht Menschen empfänglicher für Heilsversprechen.
Wer hier schreibt
Der Verein stellt sich im Impressum selbst vor. Er sei ein Arbeitskreis, „der von Siebenten-Tags-Adventisten gegründet wurde“. Seine Ausrichtung werde getragen von den Aussagen „Jesus heilt“ und „Jesus kommt“ sowie vom adventistischen Glaubensgut, „wie es sich im literarischen Nachlass der bekannten Bibelkommentatorin Ellen Gould White (1827–1915) darstellt“. Derselbe Text steht bis heute auf der Startseite des Vereins.
„Bibelkommentatorin“ ist eine bescheidene Bezeichnung. Innerhalb des Adventismus gilt Ellen White als Prophetin, deren Visionen die Bibel ergänzen und auslegen. Das Heft macht daraus kein Geheimnis. Der längste Beitrag, die Sturmstillung und die Heilung des Besessenen von Gerasa, ist nach eigener Angabe „gekürzt und verdichtet“ aus Whites Jesus-Biografie The Desire of Ages. Die letzte Seite wirbt für sechs weitere White-Titel.
Auch die Endzeiterwartung steht gleich im Impressum. Die Zeitschrift wolle Leser für die Freundschaft mit Jesus gewinnen, „denn Jesus kommt bald“. Die adventistische Bewegung ist aus William Millers Vorhersage entstanden, Christus werde 1844 wiederkommen. Das „bald“ ist seither geblieben.
Die Bibel als Tatsachenbericht – mit Zusätzen
Wie das Heft mit Texten umgeht, zeigt der Beitrag über Adam und Eva. Er beginnt mit einem Seitenhieb auf die Evolutionsbiologie: „Heute stellt man sich das erste Menschenpaar ja sehr affenähnlich vor.“ Die Bibel dagegen beschreibe Adam und Eva „um die vier Meter groß“. Belegt wird das mit 1. Mose 6,4 und 5. Mose 3,11.
Keine der beiden Stellen sagt etwas über Adam. 1. Mose 6,4 erwähnt „Riesen“ vor der Sintflut. 5. Mose 3,11 beschreibt das Bett des Königs Og von Baschan, neun Ellen lang, also rund vier Meter. Aus einem Möbelstück eines anderen Mannes, viele Generationen später, wird so die Körpergröße des ersten Menschen.
Woher die Idee tatsächlich stammt, verrät das Heft nicht. Ellen White schrieb, Adam sei „mehr als doppelt so groß“ gewesen wie heutige Menschen (Spiritual Gifts, Bd. 3, S. 34). Genauso steht es mit der „geflügelten“ Schlange, der Gott zur Strafe „die Flügel weg“ nimmt. Von Flügeln steht in 1. Mose 3 nichts. Bei White dagegen heißt es, die Schlange habe Flügel gehabt und sei golden glänzend durch die Luft geflogen (Patriarchen und Propheten, S. 53). Das Heft beruft sich ausdrücklich auf das „Buch der Bücher“ und erzählt dabei Ellen White nach.
Ähnlich verfährt es mit dem Erzengel Michael. Die Bibel, so das Heft, identifiziere Jesus mit Michael, und der Name bedeute „Der wie Gott ist“. Tatsächlich ist der hebräische Name eine rhetorische Frage: „Wer ist wie Gott?“ Die Antwort lautet: niemand. Die Gleichsetzung von Jesus und Michael steht nirgends in der Bibel. Sie ist eine Sonderlehre, die die Adventisten übrigens mit den Zeugen Jehovas teilen, über deren Werbebriefe auf Wanderbänken wir kürzlich geschrieben haben.
Hagar: eine Befreiung, die keine war
Der Beitrag „Fürchte dich nicht!“ will zeigen, wie sich der Schöpfer „schwacher Menschen“ annimmt. Das erste Beispiel ist die Sklavin Hagar. Der Engel, heißt es, „befreit sie aus der Sklaverei“.
In der Bibel steht das Gegenteil. Hagar ist vor ihrer Herrin Sara geflohen, die sie misshandelt hat. Der Engel findet sie und sagt: „Kehre wieder um zu deiner Herrin und demütige dich unter ihre Hand“ (1. Mose 16,9). Später wird Hagar mit ihrem Sohn verstoßen, weil Sara es verlangt, und Gott sagt zu Abraham ausdrücklich, er solle Sara darin gehorchen (1. Mose 21,12). Mit einem Brot und einem Wasserschlauch schickt Abraham die beiden in die Wüste. Die „sanfte Allmacht“, die das Heft dort am Werk sieht, rettet Hagar aus einer Lage, die sie selbst angeordnet hat.
Dann zählt das Heft Köpfe. „Über eine Milliarde Menschen“ sähen sich in der Tradition Ismaels, „über zwei Milliarden“ gehörten der jüdisch-christlichen Kultur an, die auf Jakob zurückgehe. Beides soll zeigen, dass sich Gottes Verheißungen erfüllt haben. Dabei werden Abstammung und kulturelle Zugehörigkeit vermischt, denn Christen sind keine Nachkommen Jakobs. Und Größe wird zum Wahrheitsbeweis gemacht. Nach dieser Logik wäre der Islam ebenso bestätigt wie das Christentum, und eine Freikirche wie die Adventisten wäre ziemlich widerlegt.
Aufschlussreich ist, wie das Heft erklärt, warum Gott ausgerechnet viele Nachkommen verspricht. Damals seien Kinder „die Altersversorgung“ gewesen, und es habe „keinen Rechtsstaat, keine Polizei, keine menschliche Sicherheit“ gegeben. Damit liefert der Text die naheliegende Erklärung gleich mit: Die Verheißung entspricht genau den Wünschen der Menschen, die sie aufgeschrieben haben. Und die Einrichtungen, die man damals entbehrte, haben wir heute. Sie schützen Menschen verlässlicher vor Angst als jeder Psalm.
Psalm 91 und die Kunst der Ausnahme
Das Herzstück des Hefts ist Psalm 91. Er verspricht dem Frommen, dass tausend an seiner Seite fallen und zehntausend zu seiner Rechten, „so wird es doch dich nicht treffen“. Kein Unglück werde sein Haus erreichen, und Gott werde ihm „ein langes Leben schenken“.
Das Heft weiß, dass die Wirklichkeit anders aussieht: „Nicht alle Menschen erleben diesen Schutz. Viele werden Opfer von Verbrechen und Gewalt.“ Die Antwort darauf steht auf Seite 18. Sind Menschen im Schatten des Allmächtigen vor Krankheit und Tod sicher? „Generell ja, es sei denn, die Krankheit erfüllt einen bestimmten Zweck in unserem Leben oder wir haben unseren Auftrag auf dieser Erde in Gottes Augen schon erfüllt oder wir ernten noch die Folgen unseres alten Sündenlebens.“ Und für den Rest gebe es „noch andere Erklärungen“, die wir „auf dieser Welt nicht erfahren werden“.
Das ist eine Immunisierung in Reinform. Bleibt jemand gesund, hat der Schutz gewirkt. Wird jemand krank, hatte die Krankheit einen Zweck. Stirbt jemand, war sein Auftrag erfüllt, oder er war selbst schuld. Kein denkbarer Ausgang könnte die Verheißung widerlegen, und darum sagt sie nichts. Nur eines leistet die Ausnahmeliste zuverlässig: Sie legt Kranken nahe, ihr Leiden könne die Folge ihres „alten Sündenlebens“ sein.
Eine Seite später gibt die Redaktion das Verfahren offen zu. Um die Mutmacher-Verse „verdichtet darzustellen“, habe man sie „natürlich aus ihrem Zusammenhang reißen müssen“. Gelten dürften sie ohnehin nur, wenn man sich „im Zentrum seines Willens“ befinde. Ob man dort ist, erfährt man erst hinterher, wenn es gut gegangen ist.
Hiob darf das Ganze abschließen: „Wenngleich er mich umbringt, ich vertraue ihm dennoch.“ Das Heft zitiert den Vers eigens „nach der englischen King James Übersetzung“. Der Grund steht in der Luther-Bibel, die das Heft sonst gern benutzt. Dort lautet Hiob 13,15: „Siehe, er wird mich doch umbringen, und ich habe nichts zu hoffen.“ Der hebräische Text ist an dieser Stelle umstritten, und das Heft wählt die Lesart, die zur Botschaft passt.
Ein Gott, der nicht straft – steht in seinem Namen
Wie verträgt sich das Leid der Welt mit einem allmächtigen, liebenden Gott? Das Heft antwortet zweifach. Gott könne das Leid nur verhindern, „indem er die Menschheit in einer Sekunde auslöschen würde“. Und alles Leid und alle Katastrophen seien „ganz natürliche Folgen“ der Verletzung der „Gesetze des Daseins“, bis hin zur „Veränderung des Klimas“.
Das erste ist ein falsches Dilemma. Ein allmächtiges Wesen hätte zwischen Auslöschen und Gewährenlassen unzählige Möglichkeiten, einen Tumor bei einem Kind zu verhindern, ohne jemandes freien Willen anzutasten. Das zweite verwechselt zweierlei. Den menschengemachten Klimawandel gibt es, aber Erdbeben, Vulkanausbrüche und Seuchen gab es lange vor dem ersten Menschen. Kein Tsunami folgt aus einer Sünde.
Dann erklärt das Heft, die meisten Menschen hätten ein falsches Gottesbild. Sie hielten Leid für „unbarmherzige Strafen eines strengen Richters“. Einen Absatz vorher zitiert es als Selbstauskunft Gottes 2. Mose 34,7: Der Herr lasse „keineswegs ungestraft“, er suche „die Schuld der Väter“ heim „an den Kindern und Kindeskindern bis in das dritte und vierte Glied“. Das Heft hält es für eine Lüge, Gott für einen strafenden Richter zu halten. Dabei steht die Strafe in dem Satz, den es selbst als Gottes „Namen“ vorstellt.
(öffnet in neuem Tab)
(öffnet in neuem Tab)Angst erzeugen, Angst verkaufen
Das Heft zitiert 1. Johannes 4,18 und liefert damit ungewollt den Schlüssel zu seiner eigenen Methode: „Angst hat man nämlich dann, wenn man mit einer Strafe rechnen muss.“ Und dann liefert es die Strafe. „Fürchtet Gott“, zitiert es aus Offenbarung 14,7, „denn die Stunde seines Gerichts ist gekommen“. Psalm 91 verspricht dem Frommen, er werde „zuschauen, wie den Gottlosen vergolten wird“. Jesaja wird zitiert: „Für die Gottlosen gibt es keinen Frieden.“ Wer nicht umkehrt, gehört zu denen, die Gott nur noch „wie Brandscheite aus dem Feuer“ retten kann, bevor ihre Ablehnung „allen Versöhnungsversuchen trotzen“ wird. Die Adventisten lehren zwar keine ewige Höllenqual, sondern die endgültige Vernichtung der Unbußfertigen. Ein freies Angebot, das man folgenlos ausschlagen könnte, ist das aber auch nicht.
Dazu kommt Satan. Im Schlussbeitrag nach Ellen White wirkt sein Einfluss „unaufhörlich“ auf die Menschen ein, „daheim, im Berufsleben und sogar in der Kirche“. Moralische Finsternis umhülle „wie ein Leichentuch die menschlichen Ansiedlungen“, und der einzige Schutz „liegt in der Gegenwart Jesu“. Wer die Einladung ablehnt, liefert sich ihm aus.
Das ist das Grundmuster des ganzen Hefts. Es beschreibt eine Welt voller Bedrohung und bietet dagegen genau einen Ausweg an. Dasselbe Muster kennen wir aus dem politischen Populismus: Man malt eine allgegenwärtige Gefahr, erklärt alle anderen Hilfen für unzureichend und bietet sich selbst als einzigen Retter an. Die Methode funktioniert unabhängig davon, ob die Gefahr real ist, und genau das macht sie so verlässlich.
Besonders bedenklich wird es, wo das Heft auf psychische Krankheit trifft. Die Männer von Gerasa, die sich „mit scharfen Steinen geritzt“ hatten, werden als Opfer von Dämonen beschrieben, deren Gesicht „das Bild Satans widergespiegelt“ habe. Wenige Absätze später heißt es, sie seien „von ihrer Geisteskrankheit geheilt“ worden. Psychische Erkrankung und Besessenheit werden hier ineinander geschoben. In einem Heft, das sich an Menschen mit Ängsten richtet, ist das keine Kleinigkeit.
Dasselbe gilt für die Deutung der Angst selbst. Nach der Sturmstillung heißt es: „Ihre Furcht in der Krise zeigte ihren Unglauben.“ Wer also nach der Lektüre immer noch Angst hat, bekommt die Diagnose gleich mit. Er glaubt nicht genug. Die „Schritte zu Jesus“ am Ende empfehlen passend dazu „Sündenerkenntnis“ und „Reue“, und zwar, „indem wir darüber weinen“. Für Menschen mit Angststörungen ist das ungefähr das Gegenteil von Hilfe.
Was wirklich hilft
Immerhin erwähnt das Heft auf Seite 3 die Psychotherapie. Allerdings nur, um den Horizont „weiter zu spannen“ und eine Quelle anzuzapfen, „die ungeahnte Kräfte freisetzen und Angst besiegen kann“. Die Liste der „natürlichen Heilmittel“ auf Seite 23 enthält Vernünftiges: Bewegung, frische Luft, genug Schlaf, wenig Alkohol. Daneben stehen der „wöchentliche Sabbat“, der Verzicht auf Kaffee und „Gottvertrauen“ – das adventistische Gesundheitsprogramm nach Ellen White, als Angsttherapie ausgegeben.
Was bei krankhafter Angst tatsächlich hilft, ist gut untersucht. Die deutsche S3-Leitlinie zur Behandlung von Angststörungen empfiehlt für Panikstörung, generalisierte Angststörung und soziale Phobie als erste Wahl die kognitive Verhaltenstherapie, bei Bedarf zusammen mit Medikamenten. Ein Kernelement ist die Konfrontation: Man lernt Schritt für Schritt, dass die befürchtete Katastrophe ausbleibt. Das ist das Gegenteil dessen, was das Heft anbietet. Es verspricht nicht, dass nichts passiert, weil ein himmlischer Beschützer eingreift, sofern man im Zentrum seines Willens steht. Es übt, mit Unsicherheit zu leben, ohne dass eine übernatürliche Garantie nötig wäre.
Für die alltägliche Angst, um die es in den Erlebnisberichten am Anfang des Hefts geht, gibt es ebenfalls weltliche Antworten. Die Angst vor Bären in Montana oder vor Fremden im Dunkeln verdient ernst genommen zu werden. Sie ist ein Signal, das auf Gefahr hinweist. Man kann sie prüfen, man kann Vorsorge treffen, man kann darüber reden. Und Geborgenheit entsteht aus Menschen, die einen auffangen, aus verlässlichen Institutionen und aus Wissen, das die Welt berechenbarer macht. Es ist die Geborgenheit, die das Heft auf Seite 7 für die Zeit Jakobs noch vermisst.
Fazit
„Keine Angst!“ ist kein Ratgeber gegen Angst, sondern ein Missionsheft, das Angst als Türöffner nutzt. Es verspricht Schutz und macht diesen Schutz gegen jede Erfahrung unwiderlegbar. Es beruft sich auf die Bibel und erzählt Ellen White nach. Und es löst die Angst nicht auf, sondern ersetzt sie: die Angst vor Bären und Flugzeugabstürzen durch die Angst vor Gericht, Satan und dem eigenen Unglauben. Das Heft lädt seine Leser ein, sich „völlig unverbindlich“ auf dieses Gedankenmodell einzulassen. Unverbindlich ist an diesem Modell allerdings wenig.
Belege und Quellen
- hoffnung weltweit e.V., „Keine Angst! – Eine Reise ins Land der Geborgenheit“, Fundament für ein befreites Leben, Nr. 4/2010 (alle Zitate aus dem Heft)
- Selbstdarstellung von hoffnung weltweit e.V. (Startseite)
- Bibelstellen: 1. Mose 16,9; 21,10–14; 5. Mose 3,11; Hiob 13,15 (Luther 1984); 2. Mose 34,7
- Ellen G. White, Spiritual Gifts, Bd. 3, S. 34, und Patriarchs and Prophets, S. 45 und 53, zitiert nach der Zusammenstellung des Ellen G. White Estate und The Truth About Angels
- Deutsche S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen, Version 2 (2021), AWMF-Register-Nr. 051-028















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