Wann, lieber Gott, bist du eigentlich lieb?

Lesezeit: ~ 3 Min.

Darum geht es

Die Antwort erklärt mit dem freien Willen nur menschengemachtes Leid und übergeht dabei Krankheit, Unfall und Verhungern.

Auf fragen.evangelisch.de stellt ein Leser, der sich als Wolfgang vorstellt, Pfarrer Frank Muchlinsky die klassischste aller Glaubensfragen: Warum lässt Gott so viel Leid zu? Muchlinskys Antwort greift auf die ebenso klassische Freiheitstheodizee zurück – mit den Schwächen, die dieses Argument seit Langem begleiten.

Die Frage

„Sehr geehrter Herr Muchlinsky, Täglich sterben Männer, Frauen und Kinder bei einem schweren Verkehrsunfall, häuslichen Unfällen, an Krankheiten, an Misshandlungen. Täglich gehen etliche Partnerschaften in die Brüche. Täglich wird betrogen, belogen. Es ist egal, ob es durch die Banken geschieht oder durch andere dubiose Geschäftemacher. In einem Jahr nehmen sich Menschen aus unterschiedlichsten Gründen das Leben. Täglich sterben Menschen bei Auseinandersetzungen im Krieg oder Banden. Täglich müssen hunderte von Kindern elend verhungern. In der Vergangenheit wurden Menschen bei der Inquisition, der Hexenverfolgung und der Judenverfolgung hingerichtet und vorher bestialisch gefoltert. Nicht mal vor Misshandlungen und Vergewaltigungen waren Kinder geschützt. Da hat ein Gott tatenlos seit 2000 Jahren zugesehen, kein Mitleid, kein Gebot des Einhaltens, kein persönliches Erscheinen. Immer wenn die Menschen einen Gott brauchten war er nie da. Ich habe große Zweifel an dessen Existenz. Also, die Frage an den Experten: Wann, lieber Gott, bist du eigentlich lieb?“

Sachlich gefragt wird, warum ein als gut und liebend vorgestellter Gott offenbar weder verhindert noch lindert, was Menschen einander und was Krankheiten und Schicksalsschläge ihnen antun.

Die Antwort

Muchlinsky bestätigt zunächst den Zweifel des Fragestellers, wendet ihn aber um: „Allerdings zweifle ich deswegen nicht an Gott, sondern vielmehr an den Menschen.“ Die Verantwortung für das aufgezählte Leid liege beim Menschen, dem Gott die Freiheit gegeben habe: „Unser Gott hat den Menschen geschaffen und ihm die Freiheit gegeben.“ Ergänzend verweist er auf die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, der selbst gelitten habe: „Mehr Mitleid (im Wortsinn) geht gar nicht.“ Ein Eingreifen in jedem Einzelfall hätte, so das Argument, gravierendere Folgen: „Wir müssten in ständiger Angst und Unfreiheit leben.“

Die Kritik

Die Freiheitstheodizee erklärt nur einen Teil des genannten Leids. Wolfgang nennt ausdrücklich auch Krankheiten, häusliche Unfälle und Verhungern – Formen von Leid, an denen keine böse Willensentscheidung eines Täters beteiligt ist. Die Antwort, das Leid resultiere aus der Freiheit des Menschen, geht an diesen Beispielen vollständig vorbei, ohne dass das eingeräumt oder auch nur erwähnt wird.

Die Alternative wird als Karikatur vorgeführt. Die rhetorischen Fragen „Soll ein Hersteller eines Autos … tot umfallen? Soll es der rücksichtslose Fahrer?“ unterstellen, die einzige Alternative zum völligen Nichteingreifen Gottes sei permanente Bestrafung oder totale Kontrolle. Zwischen diesen Extremen liegt aber die eigentlich naheliegende Frage: warum nicht wenigstens gelegentlich, warum kein einziges Mal in zweitausend Jahren.

Der Verweis auf das Mitleiden Christi beantwortet die Frage nicht, sondern verschiebt sie. Dass eine Gestalt des Glaubens vor zweitausend Jahren mitgelitten haben soll, ändert nichts daran, dass gegenwärtiges Leid – das verhungernde Kind heute – weiterhin ungelindert bleibt. Mitgefühl aus der Vergangenheit ersetzt keine Hilfe in der Gegenwart, doch die Antwort behandelt beides, als sei es dasselbe.

Die Freiheitstheodizee setzt voraus, was sie beweisen soll. Sie erklärt das Leid mit der Freiheit, die Gott dem Menschen angeblich gegeben hat – doch ob ein solcher freiheitgebender Gott überhaupt existiert, ist ja gerade die von Wolfgang aufgeworfene Frage. Die Antwort argumentiert innerhalb eines Rahmens, dessen Grundannahme selbst zur Debatte steht.

Die Antwort aus säkularer Sicht

Nein, es gibt keine Instanz, die das Leid dieser Welt aus einem höheren Plan heraus rechtfertigt oder rechtfertigen müsste. Die naheliegendste Erklärung für das von Wolfgang aufgezählte Leid ist nicht ein schweigender Gott, sondern die schlichte Abwesenheit eines eingreifenden Akteurs: Naturereignisse, Krankheiten und menschliches Fehlverhalten haben natürliche und soziale, keine metaphysischen Ursachen.

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Das nimmt dem Leid nichts von seinem Gewicht, entlastet die Frage aber von einem unlösbaren Widerspruch: Man muss nicht mehr erklären, warum ein zugleich allmächtiger und liebender Gott untätig bleibt, wenn man nicht mehr voraussetzt, dass es ihn gibt.

Was bleibt, ist Verantwortung – und die liegt vollständig bei uns Menschen. Hunger, häusliche Gewalt, Verkehrstote, Kriege: Für jedes dieser Probleme gibt es bekannte, wirksame Ansätze, von Ernährungssicherung über Gewaltschutz bis zu Verkehrssicherheit und Diplomatie. Sie werden nicht dadurch wirksamer, dass man auf ein Eingreifen von außen wartet, sondern dadurch, dass Menschen sie umsetzen.

Wolfgangs Zweifel ist deshalb kein Defizit, das durch mehr Glauben behoben werden müsste, sondern ein nüchterner erster Schritt: Wer erkennt, dass niemand von außen kommt, kann aufhören, auf Antworten zu warten, und anfangen, selbst welche zu geben.

Quelle

„Wann, lieber Gott, bist du eigentlich lieb?“, Antwort von Frank Muchlinsky auf fragen.evangelisch.de

KI

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