Kann ich die Nähe eines Engels spüren?

Lesezeit: ~ 3 Min.

Darum geht es

Ein subjektives Gefühl wird als Bestätigung einer realen Engelsbegegnung behandelt, obwohl das Gefühl dafür nichts beweist.

Auf fragen.evangelisch.de beantwortet Pfarrerin Pamela Barke die Frage einer Leserin aus Spanien, die nach dem Besuch einer Engelsausstellung meint, die Nähe des Erzengels Michael gespürt zu haben. Barkes Antwort bestätigt diese Deutung, ohne die Frage zu stellen, die eine solche Bestätigung erst rechtfertigen würde.

Die Frage

„Hallo Frau Barke, letztes Jahr war ich bei der Ausstellung ‚Der Engel‘, und da war ich ganz nahe bei Michael. Mir ist heute aufgefallen, dass ich irgendwie seine Nähe gespürt habe. Kann das sein, dass er mir sehr nahe war? Das vermute ich als sein Schützling, als geborene Deutsche, da er auch Deutsche beschützt. Wenn Sie mir eine Antwort geben, bleiben Sie bitte beim Thema. Danke. Schöne Grüße aus Spanien, Maria Leonor“

Sachlich gefragt wird, ob ein subjektives Gefühl als Nachweis für die reale Anwesenheit eines bestimmten überirdischen Wesens gelten kann.

Die Antwort

Barke bejaht die Möglichkeit ohne Einschränkung: „Da kann ich dir unbedingt sagen: das ist möglich.“ Sie verweist auf eine lange Tradition solcher Erfahrungen – „in der Bibel“, „in christlichen Geschichten und Legenden“ und „auf privaten Internetseiten“ – und räumt zugleich ein: „Natürlich kann und darf ich als Außenstehende nicht beurteilen, ob es ‚wirklich so war‘.“ Trotzdem bleibt es bei der Kernaussage: „Aber es ist unbedingt möglich.“ Zum Schluss zitiert sie ein Gedicht von Rudolf Otto Wiemer über unscheinbare, menschliche Engel: „Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel.“

Die Kritik

Aus einem Gefühl wird eine Tatsachenbehauptung. Maria beschreibt ein subjektives Empfinden nach einem Ausstellungsbesuch. Barkes Antwort „das ist möglich“ bezieht sich der Sache nach auf die Deutung dieses Gefühls als reale Begegnung mit einem konkreten überirdischen Wesen – nicht bloß darauf, dass Menschen so etwas empfinden können. Der Unterschied zwischen „du hattest ein besonderes Gefühl“ und „ein Engel war real anwesend“ wird an keiner Stelle gemacht.

Die Häufigkeit einer Erzählung wird mit ihrer Wahrheit verwechselt. Dass „im Laufe der Jahrtausende immer wieder Menschen diese Erfahrung gemacht“ haben und Berichte darüber existieren, belegt lediglich, dass die Erzählform verbreitet ist. Für die Frage, ob dahinter tatsächlich ein Engel steckt, ist die Verbreitung der Erzählung ohne jeden Beweiswert.

Der eigene Vorbehalt wird nicht zu Ende gedacht. Barke schreibt selbst, sie könne „nicht beurteilen, ob es ‚wirklich so war‘“ – und bekräftigt im nächsten Satz trotzdem: „Aber es ist unbedingt möglich.“ Eine eingeräumte Unmöglichkeit der Beurteilung müsste zu Zurückhaltung führen, nicht zu einer erneuten Bestätigung der ursprünglichen Deutung.

Das abschließende Gedicht beantwortet eine andere Frage, als gestellt wurde. Maria fragt nach der Anwesenheit des Erzengels Michael bei einem bestimmten Anlass, nicht danach, ob hilfsbereite Menschen im übertragenen Sinn „Engel“ genannt werden können. Das Gedichtzitat wechselt stillschweigend vom übernatürlichen zum metaphorischen Engelsbegriff, ohne dass diese Verschiebung benannt wird.

Die Antwort aus säkularer Sicht

Ja, wahrscheinlich hat Maria tatsächlich etwas gespürt – und nein, das belegt nicht die Anwesenheit eines Erzengels. Menschen erleben an emotional aufgeladenen Orten, etwa bei einer Ausstellung, die ihnen viel bedeutet, häufig intensive Gefühle von Nähe, Ruhe oder Ergriffenheit. Das ist real als Erfahrung, ohne dass ein externes Wesen dafür verantwortlich sein muss.

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Solche Zustände lassen sich nachvollziehbar erklären: durch Erwartung, durch die Atmosphäre des Ortes, durch die emotionale Bedeutung, die man selbst dem Thema Engel und Schutz beimisst. Das mindert das Erlebnis nicht zu etwas Unechtem – es ordnet es nur dort ein, wo es tatsächlich stattfindet: im eigenen Erleben, nicht in der Anwesenheit eines fremden Wesens.

Wer sich geschützt fühlen möchte, findet dafür verlässlichere Grundlagen als eine punktuelle Empfindung: das eigene soziale Netz, konkrete Vorsorge, und das Wissen, dass Sicherheit meist von Menschen kommt, die tatsächlich erreichbar sind.

Der Gedanke, den das zitierte Gedicht eigentlich transportiert, bleibt davon unberührt und ist sogar der stärkere: Es sind unscheinbare Menschen, die im entscheidenden Moment für andere da sind. Das braucht keine Flügel und keinen Erzengel, um wertvoll zu sein.

Quelle

„Kann ich die Nähe eines Engels spüren?“, Antwort von Pamela Barke auf fragen.evangelisch.de

KI

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