Darum geht es
Statt zu sagen, dass die Erzählung kein Tatsachenbericht ist, erklärt die Antwort jede Ungereimtheit der Genesis für irrelevant und wechselt dabei je nach Bedarf zwischen wörtlicher und symbolischer Lesart.Auf fragen.evangelisch.de beantwortet der Theologe Frank Muchlinsky einen der ältesten Einwände gegen die biblische Urgeschichte: Wenn alle Menschen von Adam und Eva abstammen, woher kamen dann die Partner für deren Kinder? Die Antwort verweist auf den literarischen Charakter der Erzählung – und erklärt damit zugleich, warum sich die eigentliche Frage angeblich erübrigt.
Die Frage
Die fragende Person, die sich „veele“ nennt, schreibt: „Hallo, ich habe eine Frage zu der Schöpfung der Menschen. Gott schuf Mann und Frau, soweit ok. Sie bekamen Kain und Aabel. Ok. Kain erschlug Abel, oder umgekehrt, weiß ich nicht genau. Nun zu meiner Frage: Es kamen hinterher ja noch mehr Menschen. Woher? Da muss ja der Bruder der Schwester beigewohnt haben, also Blutschande! Oder wie ist das? Unser Pastor kann mir keine Antwort darauf geben, windet sich drumherum. Wäre dankbar für Erklärung. Gottes Segen für Euch!“
Sachlich gefragt ist damit, wie sich die im Buch Genesis erzählte Abstammung der gesamten Menschheit von einem einzigen Elternpaar mit der ebenfalls erzählten Existenz weiterer Menschen außerhalb dieser Kernfamilie verträgt.
Die Antwort
Frank Muchlinsky beantwortet die Frage nicht direkt, sondern erklärt zunächst, welche Art von Text die Schöpfungsgeschichte überhaupt sei. Sie erzähle, „warum die Welt wohl so ist, wie sie ist“, und beantworte Fragen wie die nach Geschlechtern, Arbeit oder Schmerz „nicht in einer Weise …, die unseren heutigen ‚Regeln‘ entspricht“. Die Bibel denke nicht in Kategorien von Beleg und Konsistenz: „Die Bibel schreibt Geschichten auf, die nicht belegbar sein müssen.“ Adam und Eva seien dabei keine Einzelpersonen im modernen Sinn, sondern stünden für die Menschheit insgesamt: „Adam und Eva sind in dieser Geschichte die Menschen, sie sind sozusagen bereits alle Menschen.“ Die Geschichte erzähle „von den ersten Menschen“, denke dabei aber „immer an die gesamte Menschheit“ – und habe für ihre Verfasser „eine viel größere Wahrheit als Logik das hat“.
Die Kritik
Die gestellte Frage wird nicht beantwortet, sondern für unzuständig erklärt. „Veele“ fragt konkret, woher die Partner für die Nachkommen kamen. Muchlinsky antwortet mit einer Erläuterung der literarischen Gattung. Das ist keine Antwort auf die Sachfrage, sondern eine Umdeutung der Fragestellung selbst – nach dem Muster: Die Frage stellt sich nicht, weil der Text eine andere Art von Wahrheit transportiert. Ob das stimmt, wird nicht gezeigt, sondern vorausgesetzt.
Das Kriterium „theologische Wahrheit statt Logik“ ist gegen jede Prüfung immun. Wenn Widersprüche im Text grundsätzlich damit erklärt werden, dass es der Erzählung nicht um Konsistenz gehe, dann kann kein denkbarer Befund diese Erzählung noch als unstimmig entlarven. Eine Interpretationsregel, die jede Spannung im Voraus für irrelevant erklärt, schützt den Text nicht durch Argumente, sondern durch Immunisierung gegen Kritik.
Die Behauptung, Adam und Eva seien „bereits alle Menschen“, widerspricht dem Text, den sie erklären soll. Genesis erzählt gerade nicht von einer anonymen Menschheit, sondern von benannten Individuen mit Kindern, Alter und Biografie – Kain, Abel, später Set. Die Erzählung selbst arbeitet mit Einzelpersonen und Stammbäumen. Aus dieser wörtlichen Erzählebene ein rein symbolisches Kollektiv zu machen, löst die Ausgangsspannung nicht auf, sondern verlagert sie nur von der Handlung in die Deutung.
Die Auslegung wird selektiv angewendet. Wo die Genesis unbequeme Konsequenzen hat, wird sie zur reinen Sinnerzählung erklärt, deren Details keine Rolle spielen. An anderer Stelle – etwa wenn es um Sündenfall, Erbsünde oder die besondere Stellung des Menschen in der Schöpfung geht – wird genau dieselbe Erzählung durchaus als tragfähige Grundlage für reale, bis heute gültige Aussagen behandelt. Diese Auslegung wechselt je nach Bedarf zwischen „nur Erzählung“ und „verbindliche Aussage“, ohne dass ein Kriterium genannt wird, wann welche Lesart gilt.
Die Antwort aus säkularer Sicht
Die ehrliche Antwort auf die Ausgangsfrage lautet: Kein einziges Menschenpaar steht am Anfang der Menschheit, weder biblisch plausibel gemacht noch wissenschaftlich. Die moderne Populationsgenetik zeigt, dass der heutige Mensch aus einer Population von mehreren Tausend Individuen hervorging, nicht aus zwei Personen – ein genetischer Flaschenhals auf exakt zwei Vorfahren ist mit der beobachteten genetischen Vielfalt des Menschen nicht vereinbar. Die Frage „woher kamen die anderen Menschen“ hat also eine einfache Antwort: Sie waren von Anfang an Teil derselben Population.
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(öffnet in neuem Tab)Die Erzählung von Adam und Eva gehört literarisch in eine sehr bekannte Gattung: den altorientalischen Ursprungsmythos, wie ihn auch mesopotamische und andere Kulturen der Region kannten. Solche Erzählungen beantworten existenzielle Fragen – warum es Arbeit, Schmerz, Tod, Ungleichheit gibt – nicht durch Beobachtung, sondern durch Geschichten, die zugleich Weltbild und Moral vermitteln. Das macht sie kulturhistorisch interessant und erklärungsbedürftig, aber nicht zu einem Bericht über tatsächliche Ereignisse.
Wer „veele“ wirklich weiterhelfen will, muss also nicht die Logik des Textes verteidigen, sondern offenlegen, dass ein Text zwei ganz unterschiedliche Dinge tun kann: von etwas erzählen und dabei doch nichts über die Wirklichkeit behaupten. Der Pastor, der sich laut Fragestellerin „windet“, wäre besser beraten gewesen, genau das zu sagen, statt auszuweichen.
Das ist keine Verarmung des Textes. Man kann die Erzählung als kulturelles Erbe, als Spiegel früher Selbstdeutung des Menschen und als Ausgangspunkt großer Literatur ernst nehmen – ohne sie als Tatsachenbericht zu behandeln und ohne bei jeder Unstimmigkeit neue Ausweichmanöver konstruieren zu müssen.














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