Nächstenliebe, die man nicht delegieren darf – außer an den Staat

Lesezeit: ~ 5 Min.

Darum geht es

Stadtpfarrer Buß macht Vinzenz von Paul zum Vorbild einer Nächstenliebe, die man nicht delegieren dürfe. Dabei verschweigt er, dass seine Kirche genau das seit Jahrzehnten tut, und dass Vinzenz‘ größte Neuerung gegen die Regeln der eigenen Kirche durchgesetzt werden musste.

Am 26. September 2026 erschien bei Osthessen|News der Impuls „Der Gedenktag des heiligen Vinzenz von Paul“ von Stadtpfarrer Stefan Buß. Anlass ist der Gedenktag am 27. September. Aufhänger ist eine Sommerreise nach Paris, auf der Buß das Grab des Heiligen und die Rue du Bac besucht hat. Die Botschaft passt in einen Satz: Hinschauen, wo Not ist, und selbst anpacken, statt die Verantwortung an Staat und Caritas abzuschieben.

Gegen diese Botschaft ist wenig einzuwenden. Gegen die Art, wie Buß sie verpackt, dagegen einiges.

Pilgerreise mit Auslassungen

Buß beschreibt, wie ein Name aus dem Heiligenkalender für ihn in Paris „ein Gesicht und einen Ort“ bekommen habe. Beim Gesicht lohnt ein genauer Blick. Die Gebeine des Vinzenz von Paul liegen in einem silbernen Reliquienschrein über dem Hauptaltar der Lazaristenkapelle in der Rue de Sèvres. Gesicht und Hände der ausgestellten Figur sind aus Wachs (VincentWiki). Der Leichnam galt bei einer ersten Exhumierung noch als weitgehend erhalten, verfiel später aber nach Wassereinbruch in die Gruft. Das Gesicht, dem Buß begegnet ist, wurde also nachträglich modelliert. Sein Herz wird getrennt davon in einem Reliquiar in der Kapelle der Rue du Bac aufbewahrt.

Auch die Rue du Bac erscheint im Impuls nur als Ort, an dem der „Geist der Vinzentinerinnen“ spürbar sei. Unerwähnt bleibt, wofür die Kapelle dort weltweit bekannt ist. Dort soll 1830 die Novizin Catherine Labouré mehrere Marienerscheinungen gehabt haben. Daraus ging die „Wundertätige Medaille“ hervor. Heute kommen nach Angaben der französischen Wikipedia rund zwei Millionen Menschen pro Jahr in diese Kapelle, in der auch die Leichname von Labouré und Luise von Marillac ausgestellt sind.

Das ist keine Nebensache. Buß erzählt eine Geschichte über tatkräftige, bodenständige Hilfe. Der Ort, den er dafür heranzieht, lebt aber vor allem von Reliquien- und Erscheinungskult. Den Lesern wird damit der sympathische Teil der Tradition präsentiert und der Teil verschwiegen, der sich rational schwer vertreten lässt.

Eine Revolution gegen die eigene Kirche

Zu Recht hebt Buß hervor, wie ungewöhnlich es war, dass die 1633 gegründeten Töchter der christlichen Liebe nicht im Kloster lebten, sondern zu den Kranken gingen. Er nennt das für die damalige Zeit geradezu revolutionär. Wogegen sich diese Revolution richtete, verschweigt er allerdings.

Die Klausurpflicht für Ordensfrauen war keine Laune der Zeit, sondern Kirchenrecht. Nach dem Konzil von Trient waren neue Frauengemeinschaften ohne Klausur nicht zugelassen. Vinzenz und Luise von Marillac umgingen dieses Verbot ganz bewusst. Ihre Schwestern legten nur private, jährlich erneuerte Gelübde ab. Kirchenrechtlich galten sie deshalb nicht als Ordensfrauen und fielen nicht unter die Klausur (FAMVIN). Das Gemeinschaftsmodell existiert als „Gesellschaft apostolischen Lebens“ bis heute.

Der Fortschritt, den Buß seiner Kirche gutschreibt, ist also einer Ausnahme abgerungen, die man unter dem Radar der kirchlichen Regeln durchsetzen musste. Frauen durften helfen, solange man sie nicht offiziell als Nonnen bezeichnete. Das zeugt vom Geschick der Gründer, nicht von der Fortschrittlichkeit ihrer Institution.

„Niemals delegiert“ – sagt der Vertreter eines Sozialkonzerns

Der Kern des Impulses ist ein Satz, den Buß Vinzenz in den Mund legt: Man brauche Strukturen und professionelle Hilfe, aber „Nächstenliebe darf niemals delegiert werden“. Als Ausrede lässt er nicht gelten, dass doch der Staat, die Caritas oder soziale Einrichtungen zuständig seien.

Es ist bemerkenswert, dass ausgerechnet ein katholischer Pfarrer die Caritas als bequeme Ausrede anführt. Dieser Verband hat nämlich selbst in großem Umfang delegiert, nur in die umgekehrte Richtung. Der Deutsche Caritasverband meldete für 2022 fast 696.000 Beschäftigte. Finanziert wird diese Arbeit nach übereinstimmenden Analysen ganz überwiegend aus Sozialversicherungen, Pflegekassen, Eigenbeiträgen und Steuermitteln.

Kirchenfinanzexperte Carsten Frerk bezifferte den Anteil kirchlicher Eigenmittel bei Caritas und Diakonie auf 1,8 Prozent. Andere Schätzungen reichen bis zu sechs Prozent, und offizielle Zahlen der Kirchen gibt es nicht (Wikipedia: Caritas-Legende). Die Zahlen sind älter, doch am Grundprinzip hat sich nichts geändert. Wir haben dieses Thema hier schon mehrfach behandelt.

Die Kirche übernimmt also den Ruf der Nächstenliebe, während die Allgemeinheit den Großteil der Kosten trägt. Und wer bei einem der größten Arbeitgeber des Landes angestellt ist, unterliegt bis heute Sonderregeln des kirchlichen Arbeitsrechts. Wenn Buß mahnt, man dürfe Nächstenliebe nicht an Institutionen abgeben, müsste er diese Mahnung zuerst an die eigene richten.

Dazu kommt ein innerer Widerspruch im Text. Zu Beginn lobt Buß Vinzenz gerade dafür, dass er gefragt habe, wie sich Hilfe so organisieren lasse, dass sie ankommt. Am Ende heißt es, Vinzenz habe keine großen Programme geschrieben, sondern Menschen in Bewegung gesetzt. Tatsächlich hat Vinzenz Bruderschaften, eine Priesterkongregation und eine Frauengemeinschaft gegründet und mit Regeln versehen. Er war ein Organisator von Institutionen. Buß lobt die Struktur, wenn es dem Heiligen nützt, und wertet sie ab, wenn es um das Gewissen der Leser geht.

Hinschauen braucht keinen Heiligen

Die Beispiele heutiger Not, die Buß aufzählt, stimmen: Einsamkeit im Alter, unbezahlbare Rechnungen, Obdachlosigkeit, Geflüchtete, Erschöpfung. Und sein Rat stimmt auch: wahrnehmen, zuhören, besuchen. Keiner dieser Punkte braucht eine theologische Begründung. Empathie und Hilfsbereitschaft sind menschliche Fähigkeiten, die in allen Kulturen vorkommen, bei Gläubigen wie bei Konfessionsfreien. Das Muster, universelle Werte mit einem kirchlichen Etikett zu versehen, kennen wir von Buß bereits aus seinem Impuls über den Pariser Bäcker und aus seinen Texten zu MISEREOR und Albert Schweitzer.

Anzeige
Religiös glauben - Sticker Größe S (10 x 10 cm) Mattweiß (öffnet in neuem Tab)
Religiös glauben - Sticker Größe S (10 x 10 cm) Mattweiß
Zum Produkt (öffnet in neuem Tab)
jesus liebt dich nicht! - Frauen Premium Bio Hoodie Malve (öffnet in neuem Tab)
jesus liebt dich nicht! - Frauen Premium Bio Hoodie Malve
Zum Produkt (öffnet in neuem Tab)
AWQ - Answers without questions - Männer Premium Bio Hoodie Flaschengrün (öffnet in neuem Tab)
AWQ - Answers without questions - Männer Premium Bio Hoodie Flaschengrün
Zum Produkt (öffnet in neuem Tab)

Was die christliche Variante von der säkularen unterscheidet, lässt Buß bezeichnenderweise weg. Die Mitschwestern an der Rue du Bac beschreiben den Auftrag ihrer Gemeinschaft selbst so, dass sie das Evangelium verkünden, indem sie den Bedürftigen dienen (viergemiraculeuse.com). Die Hilfe dient also auch der Verkündigung. Die biblische Grundlage dieser Frömmigkeit ist die Weltgerichtsrede in Matthäus 25. Dort wird die Sorge für die „Geringsten“ gelobt, aber die Rede endet nicht dort. Wer nicht geholfen hat, wird ins „ewige Feuer“ geschickt, das „dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist“, und geht „zur ewigen Strafe“ (Mt 25,41.46).

Christliche Nächstenliebe ist in ihrem Ursprung also kein freiwilliges Angebot, sondern mit der Drohung ewiger Qual verknüpft. Eine Hilfsbereitschaft, die sich aus der Sorge um das eigene Seelenheil speist, ist moralisch weniger wert als eine, die schlicht dem Menschen gilt, der Hilfe braucht.

Auch als verlässliche Moralquelle taugt das Etikett „christlich“ nicht. Buß zählt die Geflüchteten zu den Armen, denen man sich zuwenden müsse. Doch dieselbe christliche Tradition dient seit Jahren auch als Kampfbegriff gegen genau diese Menschen, etwa wenn Pegida zur Verteidigung des „Abendlandes“ aufmarschiert. Ein Glaubenssystem, das sich ebenso gut für Seenotrettung wie für Abschottung einspannen lässt, liefert keine Moral. Es liefert Etiketten, die jede Seite nach Bedarf aufklebt.

Die säkulare Alternative: Rechte statt Almosen

Vinzenz lebte in einer Gesellschaft, in der Arme auf die Barmherzigkeit anderer angewiesen waren. Wie gut es einem Findelkind oder einem Galeerensträfling erging, hing davon ab, ob sich jemand erbarmte. Der moderne Sozialstaat hat daraus etwas anderes gemacht: Aus Almosen wurden Rechtsansprüche. Wer heute Wohngeld, Pflege oder Grundsicherung erhält, verdankt das keinem guten Herzen, sondern einem Gesetz. Und niemand muss sich dafür dankbar vor einem Wohltäter verbeugen. Das ist ein zivilisatorischer Fortschritt, der ohne Aufklärung und Menschenrechte nicht denkbar gewesen wäre.

Buß‘ Satz „Dafür ist doch der Staat zuständig“ ist deshalb keine faule Ausrede. Er beschreibt eine Errungenschaft. Natürlich ersetzt kein Gesetz den Besuch bei der einsamen Nachbarin, und darin hat Buß recht. Aber die persönliche Zuwendung ergänzt die gesicherten Rechte, sie tritt nicht an ihre Stelle. Aus humanistischer Sicht steht beides nebeneinander: die freundliche Geste, weil der andere ein Mensch ist, und der politische Einsatz dafür, dass niemand auf freundliche Gesten angewiesen ist.

Fazit

Buß möchte mehr „vinzentinischen Geist“. Man kann diesem Geist Respekt zollen, besonders Luise von Marillac und den Frauen, die gegen kirchliche Vorschriften auf die Straße gingen. Nur sollte man dann auch ehrlich erzählen: von der Klausur, die umgangen werden musste, von Reliquien und Erscheinungen, die an diesen Orten den Ton angeben, von der Höllendrohung, auf der die Barmherzigkeit steht, und von einem kirchlichen Wohlfahrtskonzern, der seine Nächstenliebe zum größten Teil aus öffentlichen Kassen bezahlen lässt.

Hinschauen ist richtig. Es sollte allerdings auch dann gelten, wenn der Blick auf die eigene Kirche fällt.

KI

Deine Gedanken dazu?

Fragen, Lob, Kritik, Ergänzungen, Korrekturen: Trage mit deinen Gedanken zu diesem Artikel mit einem Kommentar bei!

Wenn du uns unterstützen möchtest, freuen wir uns über eine kleine Spende in die Kaffeekasse.

Bitte beachte beim Kommentieren:

  • Vermeide bitte vulgäre Ausdrücke und persönliche Beleidigungen.
  • Kennzeichne Zitate bitte als solche und gib die Quelle/n an.
  • Wir behalten uns vor, rechtlich bedenkliche oder anstößige Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Schreibe einen Kommentar

Ressourcen

Gastbeiträge geben die Meinung der Gastautoren wieder.

AWQ unterstützen

Jetzt einfach, schnell und sicher online bezahlen – mit PayPal.

Wikipedia-Zitate werden unter der Lizenz Creative Commons Attribution/Share Alike veröffentlicht.

Neueste Kommentare