Darum geht es
Buß stellt Gott beim Erntedank über die Menschen, die die Ernte tatsächlich einbringen, schweigt über die Ursachen der Dürren, die er beklagt, und macht aus einem Geschenk mit Bedingungen ein bedingungsloses.Darum geht es
Am 30. September 2026 hat Stadtpfarrer Stefan Buß auf Osthessen|News seinen Impuls „Erntedank steht vor der Tür“ veröffentlicht. Die Kernthese steht gleich im ersten Absatz: „Unser Leben lebt davon, dass uns etwas geschenkt wird.“ Daraus leitet Buß Dankbarkeit, Demut und Verantwortung für die Schöpfung ab und schließt mit einem Gebet: „Danke, Gott, für deine gute Schöpfung.“
Das klingt versöhnlich, und einiges davon ist richtig: Nichts ist selbstverständlich, Ressourcen sind endlich, Dankbarkeit ist eine gute Haltung. Das Problem liegt darin, an wen der Dank adressiert wird, wer dabei aus dem Bild fällt und was über den angeblichen Schenker verschwiegen wird.
„Vor allem: Gottes Schöpfung“
Der aufschlussreichste Satz des Impulses steht im zweiten Absatz. Hinter Wasser, Wärme und Lebensmitteln, so Buß, stünden „Menschen, Arbeit, Natur und vor allem: Gottes Schöpfung“. Das „vor allem“ ist eine Rangfolge. Die Menschen, die säen, ernten, sortieren, transportieren und verkaufen, werden erwähnt – und im selben Atemzug nach hinten gestellt.
Wer diese Menschen sind, lässt sich beziffern. Nach der Agrarstrukturerhebung 2023 arbeiteten in der deutschen Landwirtschaft rund 876.000 Menschen, davon 242.800 als Saisonarbeitskräfte, also mit Verträgen von weniger als sechs Monaten (Destatis). Mehr als jede vierte Arbeitskraft auf deutschen Feldern ist demnach saisonal beschäftigt, häufig aus Osteuropa. Von ihnen ist im Impuls keine Rede. Der Erntealtar in der Stadtpfarrkirche zeigt Kartoffeln und Trauben, aber keine gebückten Rücken.
Buß formuliert es sogar ausdrücklich: „Du hast vieles nicht selbst gemacht. Du hast empfangen.“ Das stimmt – aber empfangen hat man es von Menschen. Den Dank dennoch an eine Instanz zu richten, deren Beitrag sich nicht nachweisen lässt ist keine Demut. Es ist eine Umleitung.
Geschenkt wird nur, was gelingt
Die zweite Schieflage betrifft das, was nicht gelingt. Buß benennt „Trockenheit, Wassermangel, Starkregen und veränderte Erntebedingungen“ – und deutet sie als Zeichen dafür, „wie verletzlich die Schöpfung ist“. Die gute Ernte ist also Gottes Geschenk, die Dürre dagegen eine Eigenschaft der Schöpfung. Für das Gelingen gibt es einen Adressaten, für das Scheitern keinen.
Diese Asymmetrie ist nicht nebensächlich. Laut dem Welternährungsbericht SOFI 2025 litten 2024 rund 673 Millionen Menschen Hunger, etwa 8,2 Prozent der Weltbevölkerung; in Afrika betraf es mehr als jeden fünften Menschen (WFP). Wer beim Erntedankgottesdienst in Fulda für „das tägliche Brot“ dankt, muss sich fragen lassen, warum derselbe Geber es 673 Millionen Menschen vorenthält. Die Theologie hat darauf seit Jahrhunderten keine Antwort, sondern nur Ausweichmanöver – wir haben das in „Brauchen wir den Wettersegen noch?“ ausführlich behandelt.
Das Thema ist bei Buß ohnehin ein Dauerbrenner. Zu Erntedank 2021 erzählte er das Märchen vom Bauern, der für ein Jahr das Wetter übernimmt und scheitert (unsere Kritik). 2024 hieß es, das Bewusstsein, ohne Gegenleistung beschenkt zu sein, sei der tiefere Sinn des Festes. 2025 fragte er, ob Erntedank überhaupt noch aktuell sei. Der Kern bleibt jedes Jahr derselbe: Der Mensch kann es nicht allein, also braucht er Gott.
„Nicht Herren der Schöpfung“ – sagt wer?
Buß schreibt: „Wir sind nicht Herren der Schöpfung, sondern Teil von ihr.“ Das ist ein humanistisch und ökologisch vernünftiger Satz. Nur steht er nicht in der Bibel, sondern ziemlich genau das Gegenteil. Im Schöpfungsbericht erhält der Mensch den Auftrag, sich die Erde zu unterwerfen und über die Tiere zu „walten“ (Gen 1,28). Der Historiker Lynn White machte 1967 in seinem vielzitierten Aufsatz „The Historical Roots of Our Ecologic Crisis“ (Science, Bd. 155) genau dieses Herrschaftsverständnis mitverantwortlich für den ausbeuterischen Umgang des Westens mit der Natur.
Fairerweise: Die katholische Kirche hat sich mit der Enzyklika Laudato si’ (2015) von der Ausbeutungslesart distanziert und den menschengemachten Klimawandel anerkannt. Umso auffälliger ist, dass Buß das Wort „Klimawandel“ gar nicht benutzt. Bei ihm „verändern“ sich Erntebedingungen einfach – ein Passiv ohne Verursacher. Wer Verantwortung einfordert, aber die Ursache nicht benennt, fordert nichts Konkretes.
Dieselbe Prämisse, entgegengesetzte Schlüsse
Dass die Ernte letztlich in Gottes Hand liege, ist keine harmlose Floskel. Man kann daraus Verantwortung ableiten, wie Buß es tut – man kann daraus aber ebenso gut Gleichgültigkeit ableiten. Eine Pew-Studie von 2022 zeigt das eindrücklich: Nur 34 Prozent der evangelikalen Protestanten in den USA halten den Klimawandel für ein sehr oder extrem ernstes Problem, und 29 Prozent aller Evangelikalen begründen ihre Gelassenheit ausdrücklich damit, dass Gott das Klima kontrolliere (Pew Research Center).
Genau dort hat der politische Populismus angedockt: Die Trump-Regierung stützt sich auf eine evangelikale Basis und ist zweimal aus dem Pariser Klimaabkommen ausgestiegen. In Fulda dient der Schöpfungsglaube als Begründung für Umweltschutz, in Texas als Begründung gegen ihn. Ein Glaubenskonstrukt, das je nach Publikum mit beiden Positionen verträglich ist, taugt nicht als Moralquelle. Die Richtung kommt dann nicht aus dem Glauben, sondern wird von außen hineingelegt – und das, was sie tatsächlich bestimmt, sind Einsicht, Evidenz und Interessen.
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(öffnet in neuem Tab)Das Kleingedruckte des Geschenks
Buß beschwört ein Leben als Geschenk. Doch in der Lehre seiner Kirche ist dieses Geschenk nicht bedingungslos. „Was uns anvertraut ist, sollen wir bewahren und weitergeben“, schreibt er – eine unübersehbare Anspielung auf das Gleichnis von den anvertrauten Talenten. Dort endet der Diener, der mit dem Anvertrauten nichts anfängt, „in der äußersten Finsternis“ (Mt 25,14–30). Und für die grundsätzliche Annahme des Glaubens gilt: Wer nicht glaubt, wird verdammt (Mk 16,16). Ein Geschenk, dessen Ablehnung mit ewiger Strafe bewehrt ist, ist kein Geschenk, sondern ein Vertrag mit Strafklausel. Oder noch genauer: Eine klassische Erpressung.
Ähnlich weichgezeichnet ist die Passage zur Eucharistie. Buß nennt die gewandelten Gaben „Zeichen der Gegenwart Christi“. Das katholische Dogma sagt mehr: Seit dem Konzil von Trient lehrt die Kirche eine Wandlung der ganzen Substanz von Brot und Wein in Leib und Blut Christi (KKK 1376). Und dieses „Danksagungsmahl“ steht keineswegs allen offen: Nach can. 844 CIC spenden katholische Amtsträger die Sakramente erlaubt grundsätzlich nur katholischen Gläubigen, Ausnahmen sind eng begrenzt. Der Erntealtar ist offen für alle, der Altar der Eucharistie nicht – ein Muster, das wir schon bei Buß’ Portal-Impuls beobachtet haben.
Dankbarkeit mit Adresse
Dankbarkeit braucht keinen Gott. Die Psychologen Robert Emmons und Michael McCullough zeigten 2003 in einer vielbeachteten Studie (Journal of Personality and Social Psychology, Bd. 84), dass Menschen, die regelmäßig notieren, wofür sie dankbar sind, ihr Leben positiver bewerten – ohne dass der Dank einen übernatürlichen Empfänger voraussetzt. Säkular-humanistisch gedacht, hat Dank eine konkrete Adresse:
- An die Menschen, die die Arbeit tun. Dank ohne faire Löhne, Unterkünfte und Arbeitsschutz für Erntehelfer ist Dekoration.
- An die Wissenschaft. Pflanzenzüchtung, Bewässerungstechnik, Wetterprognosen und Agrarforschung haben mehr zu vollen Scheunen beigetragen als jeder Wettersegen.
- Verantwortung aus Einsicht. Wir schützen Böden, Wasser und Klima nicht, weil ein Schöpfer es verlangt, sondern weil wir und kommende Generationen davon leben. Diese Begründung funktioniert in Fulda und in Texas gleich.
- Teilen als Pflicht, nicht als Gnade. 673 Millionen Hungernde sind kein Mysterium, sondern eine Folge von Kriegen, Armut und Verteilung – also von Entscheidungen, die Menschen ändern können.
Fazit
Stefan Buß hat recht, dass Erntedank ein Fest gegen die Selbstverständlichkeit sein kann. Doch sein Impuls ersetzt eine Selbstverständlichkeit durch eine andere: die Annahme, dass hinter allem „vor allem“ Gott stehe. Damit rücken die Menschen, die tatsächlich ernten, in den Hintergrund, die Ursachen von Dürre und Hunger bleiben unbenannt, und das Geschenk, das angeblich keine Gegenleistung verlangt, bringt eine Strafklausel mit. Wer wirklich dankbar sein will, sollte den Dank dorthin richten, wo er ankommt.
Quellen und Belege
- Stefan Buß: Erntedank steht vor der Tür, Osthessen|News, 30.09.2026
- Stefan Buß: Impuls von Stefan Buß: Erntedank, Osthessen|News, 05.10.2024
- Stefan Buß: Ist das Erntedankfest heute eigentlich noch aktuell?, O|N-Mediathek, 2025
- Destatis: 28 % aller Arbeitskräfte in der Landwirtschaft waren 2023 Saisonarbeitskräfte, PM N015 vom 03.04.2025
- WFP/FAO: SOFI 2025 – Weltweiter Hunger geht zurück, Zunahme in Afrika und Westasien
- Pew Research Center: Religious Groups’ Views on Climate Change, 17.11.2022
- Lynn White Jr.: The Historical Roots of Our Ecologic Crisis, Science 155 (1967), S. 1203–1207
- Robert A. Emmons, Michael E. McCullough: Counting Blessings Versus Burdens, Journal of Personality and Social Psychology 84 (2003), S. 377–389
- Papst Franziskus: Enzyklika Laudato si’, 2015
- Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1376; Codex Iuris Canonici, can. 844
- Bibel (Einheitsübersetzung): Gen 1,28, Mt 25,14–30, Mk 16,16














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