Dürfen wir mal an den Brunnen? – Und zwei Verse später in den Schwefelsee

Lesezeit: ~ 6 Min.

Darum geht es

Stefan Buß feiert 400 Jahre Abtei St. Maria als „geistlichen Brunnen für Fulda“ – und verschweigt, dass das Kloster als Werkzeug der Gegenreformation gegründet wurde, dass Nonnen nach Kirchenrecht engeren Klausurregeln unterworfen sind als Mönche, dass seine „Quelle, die nicht versiegt“ statistisch gerade austrocknet und dass die biblische Einladung zum Wasser des Lebens zwei Verse später im Schwefelsee endet.

Diese Woche wird es wässrig. Stadtpfarrer Stefan Buß widmet seinen Impuls auf Osthessen|News dem 400-jährigen Jubiläum der Benediktinerinnenabtei St. Maria in Fulda, genauer: dem Brunnen in deren Kreuzgarten, gestaltet von der Künstlerschwester Lioba Munz (1913–1997). „Dürfen wir mal an den Brunnen?“, fragen Besucher regelmäßig an der Pforte. Buß macht daraus, was Buß aus allem macht: eine Metapher. „Dürfen wir kommen mit dem, was uns beschäftigt? Mit unserer Sehnsucht, unserer Müdigkeit, unseren Fragen?“

Die Vorlage stammt von Bischof Michael Gerber, der die Besucherfrage am 8. September in seiner Festpredigt aufgegriffen hatte. Buß schöpft also, um im Bild zu bleiben, aus der bischöflichen Zisterne. Was dabei herauskommt, ist ein Jubiläumstext, der vier Jahrhunderte Klostergeschichte auf „gelebten Glauben, Gebet und Hoffnung“ eindampft. Das Wasser ist klar, weil man den Bodensatz nicht aufgerührt hat. Rühren wir.

1626: Kein Brunnen für alle, sondern ein Bollwerk

„Seit 1626 ist die Abtei St. Maria ein Ort, an dem Menschen aus einer anderen Quelle schöpfen“, schreibt Buß. Wer 1626 schöpfen durfte und wer nicht, verrät er nicht. Die Gründung ging auf Fürstabt Johann Bernhard Schenk zu Schweinsberg zurück, 1631 zogen vier Benediktinerinnen aus dem bayerischen Kühbach ein. Der Gründer war kein Brunnenbauer für suchende Seelen, sondern ein Gegenreformator. Er setzte sich, so die biografische Darstellung, „außerordentlich für die Gegenreformation ein und förderte die Jesuiten“; sein Ziel war es, „nach der teilweise nur oberflächlich erfolgten Rekatholisierung des Stiftsterritoriums eine innere Glaubensfestigung zu erreichen“. Mit Visitationen der Pfarreien versuchte er, „die evangelische Lehre zurückzudrängen“. Die Klostergründung gehört in genau dieses Programm.

Das Klima, in dem das geschah, lässt sich ebenfalls benennen. Nur zwei Jahrzehnte vor der Grundsteinlegung hatte Fürstabt Balthasar von Dernbach, der Motor der Fuldaer Rekatholisierung, seinen „Malefizmeister“ Balthasar Nuss wüten lassen: In den Hexenprozessen von 1603 bis 1606 starben rund 250 Menschen, überwiegend Frauen. Das ist nicht die Schuld der Nonnen, die 1631 kamen. Aber es ist der historische Grund, auf dem der Brunnen steht – und wer 400 Jahre feiert, feiert auch das, was die Gründer wollten: ein Fulda, in dem nur noch aus einer Quelle geschöpft wird.

Man kennt diese Art der Geschichtsschreibung vom Autor. Schon beim Bonifatius hat Buß aus fränkischer Machtpolitik eine Glaubensmut-Legende gemacht. Das Verfahren ist dasselbe: Man nimmt eine Institution, die aus Herrschaftsinteressen entstand, und beschreibt sie rückwirkend als Oase.

Die Quelle, die „nicht versiegt“ – ein Blick auf den Pegel

„Da ist eine Quelle, die nicht versiegt“, verspricht der Impuls. Es ist ein kühner Satz in einem Jahr, in dem die Deutsche Ordensobernkonferenz ihre Zahlen vorgelegt hat. Laut fowid ist die Zahl der Ordensfrauen in Deutschland von 44.209 im Jahr 1990 auf 8.770 im Jahr 2025 gefallen, ein Rückgang auf rund ein Fünftel. 81 Prozent von ihnen sind älter als 65, bundesweit gab es 2025 noch 47 Novizinnen. Der Durchschnittsverlust der letzten zehn Jahre liegt bei rund 795 Frauen pro Jahr.

Wenn eine Quelle nicht versiegt, aber niemand mehr daraus trinken will, liegt das Problem vielleicht nicht an der Trockenheit, sondern am Geschmack. Die Menschen, die an der Pforte fragen, ob sie mal an den Brunnen dürfen, kommen übrigens nach Gerbers eigener Darstellung wegen einer Ausstellung über Lioba Munz im Vonderau-Museum. Sie wollen Kunst sehen. Buß macht daraus Sehnsucht nach Gott. Das ist die übliche Umwidmung: Wer eine Kirche besichtigt, sucht angeblich Christus; wer einen Brunnen anschauen will, hat angeblich Durst nach dem Wasser des Lebens.

„Tiefer als die Nachrichten“ – woher weiß er das?

Das Herzstück des Impulses ist die Behauptung, im Kloster könnten Menschen erfahren: „Da ist etwas, das tiefer reicht als die täglichen Nachrichten, Sorgen und Termine.“ Geschöpft werde dort „aus dem Glauben, aus dem Gebet, aus der Stille, aus der Gemeinschaft mit Gott“. Und dann, als Klimax: „Da ist Gott. Da ist Hoffnung.“

Man beachte die Konstruktion. Die Aufzählung beginnt mit Dingen, die jeder kennt und niemand bestreitet: Stille tut gut, Innehalten tut gut, ein schöner Ort mit plätscherndem Wasser tut gut. Dann wird „Gott“ an das Ende der Liste gehängt, als wäre er ein weiteres Element derselben Kategorie – und plötzlich soll die Wirkung der Stille ein Beleg für ihn sein. Das ist kein Argument, das ist ein Anhängerkupplungstrick. Wir haben ihn hier schon bei der klösterlichen Gelassenheit und beim Fasten beschrieben: Säkulare Praxis wird eingesammelt, mit einem Etikett versehen und als religiöse Erfahrung zurückgegeben.

Was „tiefer“ heißen soll, sagt Buß nicht. Tiefer als die Nachricht von Krieg und Hunger? Tiefer als die Sorge, ob die Rente reicht? Eine Erfahrung, die sich weder beschreiben noch prüfen lässt, ist nicht tief, sie ist nur unbestimmt. Und Unbestimmtheit ist in der Verkündigung kein Mangel, sondern Geschäftsmodell: Jeder kann seine eigene Sehnsucht hineinlegen und sie als Gotteserfahrung wieder herausholen.

„Dürfen wir?“ – Die Frage, die die Schwestern nicht stellen dürfen

Rührend ist die Bescheidenheit der Besucherfrage. „Dürfen wir mal an den Brunnen?“ Die Frauen hinter der Pforte könnten eine andere stellen: Dürfen wir mal raus? Die Antwort gibt ein Sonderrecht, das nur für Frauen geschrieben wurde. Nach can. 667 § 3 CIC müssen Nonnenklöster, die ganz auf das kontemplative Leben ausgerichtet sind, die päpstliche Klausur einhalten; die Instruktion Cor orans von 2018 bekräftigt in Nr. 192, dass Nonnen, Novizinnen und Postulantinnen „innerhalb der Klausur des Klosters leben“ müssen. Welche Klausurform sich eine einzelne Abtei gibt, ist dabei zweitrangig – der Rahmen, in dem Frauen im Kloster überhaupt leben dürfen, wird in Rom von Männern gesetzt, und er ist für sie enger als für ihre männlichen Mitbrüder: Für kontemplative Mönche gilt nichts Vergleichbares. Die Religionssoziologin Isabelle Jonveaux hat diesen Gender-Gap hinter Klostermauern auf feinschwarz.net beschrieben und vor „größerer Abhängigkeit und Infantilisierung der Frauen“ gewarnt. Die Wurzel reicht bis 1566 zurück, als Pius V. mit Circa pastoralis die strenge Klausur für Nonnen vorschrieb – sechzig Jahre vor der Fuldaer Gründung.

Und dann das Jubiläum selbst. Die Frauen, die hier seit 400 Jahren beten, arbeiten, Kunst schaffen und einen Garten von 2.000 Quadratmetern bewirtschaften, feiern ihr Fest mit einem Gottesdienst, den sie nicht leiten dürfen, weil nach can. 1024 CIC nur ein Mann gültig geweiht werden kann. Die Festpredigt hält der Bischof. Und was sagt der Mann den Frauen an ihrem Ehrentag? „Sie, liebe Schwestern, sind nicht selbst der Brunnen. Dafür steht ein anderer – Christus selbst.“ So berichtet es Rhönkanal. Vierhundert Jahre Arbeit, und die Würdigung besteht in der Klarstellung, dass die Quelle ein Mann ist, der Verwalter der Quelle ebenfalls, und die Frauen allenfalls das Mauerwerk drumherum. Buß übernimmt das Bild, ohne es zu bemerken.

Die Einladung – und zwei Verse später der Schwefelsee

„Komm. Halt inne. Schöpfe neue Kraft. Lass dich von Gott berühren.“ So klingt die Einladung, die das Kloster nach Buß ausspricht. Das Wasser-Bild hat biblische Wurzeln, und Gerber spielt in seiner Predigt selbst darauf an, wenn er von dem spricht, „der uns das Wasser des Lebens verheißen hat“. Die bekannteste Fassung dieses Versprechens steht in der Offenbarung des Johannes, Offb 21,6: „Wer durstig ist, den werde ich unentgeltlich aus der Quelle trinken lassen, aus der das Wasser des Lebens strömt.“ Unentgeltlich! Man möchte sofort zugreifen.

Zwei Verse weiter steht die Rechnung. Offb 21,8: „Aber die Feiglinge und Treulosen, die Befleckten, die Mörder und Unzüchtigen, die Zauberer, Götzendiener und alle Lügner – ihr Los wird der See von brennendem Schwefel sein. Dies ist der zweite Tod.“ Die „Treulosen“ sind im griechischen Original die apistoi, Luther übersetzt ehrlicher: „die Ungläubigen“. Wer also aus einer anderen Quelle trinkt oder gar keinen Durst verspürt, landet in derselben Liste wie die Mörder. Das Muster kennen treue Leser: Beim „Schatz des Lebens“ waren es zwei Verse bis zum Feuerofen, bei Mariä Namen drei bis zur Tauschmasse, beim Weltkindertag fünf bis zum Mühlstein. Diesmal sind es wieder zwei. Die Verkündigung arbeitet sich präzise um die Stelle herum, an der das Angebot zur Drohung wird.

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Und wer meint, andere Quellen seien bloß weniger ergiebig, dem antwortet der Prophet Jeremia, bei dem das Bild vom „Quell des lebendigen Wassers“ herkommt. Jer 2,13 nennt es „doppeltes Unrecht“, den HERRN zu verlassen, „um sich Zisternen zu graben, Zisternen mit Rissen“; sechs Verse später folgt: „Dein böses Tun straft dich, deine Abtrünnigkeit züchtigt dich.“ Der Brunnen, an den man angeblich einfach mal darf, ist in Wahrheit ein Monopolbrunnen. Wer woanders schöpft, begeht Unrecht. Und nach Mk 16,16 gilt ohnehin: „wer aber nicht glaubt, wird verurteilt werden.“ Das ist keine Einladung. Das ist ein Angebot mit Strafandrohung für den Fall der Ablehnung – und genau das machte es 1626 so attraktiv für einen Fürstabt, der die evangelische Lehre „zurückdrängen“ wollte.

Aus welcher Quelle leben wir?

Am Ende stellt Buß die Frage an den Leser: „Aus welcher Quelle lebe ich?“ Und er gibt die Losung aus, man solle „selbst zu einem Brunnen für andere werden“. Der zweite Teil ist richtig, und er braucht den ersten nicht. Menschen werden füreinander zum Brunnen, wenn sie zuhören, helfen, teilen, trösten. Das tun Konfessionsfreie ebenso wie Gläubige, und niemand von ihnen muss dafür an einen Mann glauben, der Durstigen Wasser und Ungläubigen Schwefel verspricht.

Die säkular-humanistische Antwort auf die Frage nach der Quelle ist unspektakulär und gerade deshalb belastbar: Wir leben aus Beziehungen, aus Wissen, aus Kunst, aus Natur, aus der Erfahrung, dass Menschen einander beistehen können, ohne dass einer dafür Gefolgschaft verlangt. Diese Quellen haben keinen Eigentümer, keine Pforte und keine Klausur. Man muss niemanden fragen, ob man darf. Und sie sind in ihrer Wirkung prüfbar: Eine Freundschaft, die trägt, merkt man. Ein Gespräch, das hilft, merkt man. Stille, die gut tut, merkt man auch – im Kreuzgarten der Abtei wie auf einer Bank an der Wasserkuppe.

Der Brunnen von Lioba Munz ist ein schönes Kunstwerk, und wer ihn sehen will, sollte ihn sehen. Aber man darf ihn anschauen, wie man jeden schönen Brunnen anschaut: als Werk einer begabten Frau, die ihre Kunst in einer Institution ausübte, die ihr die Predigt in der Messe verwehrte (can. 767 § 1 CIC). Das Wasser darin ist Wasser. Tiefer reicht es nicht.

Fazit

Buß’ Jubiläumsimpuls ist ein Text über eine Quelle, der die eigene Quellenlage verschweigt. Er feiert eine Gründung der Gegenreformation als Ort der Offenheit, beschreibt eine Institution mit dramatisch schrumpfendem Nachwuchs als unversiegbar, verkauft die Wirkung von Stille als Gotteserfahrung und übernimmt kommentarlos eine Festpredigt, in der ein Bischof den Frauen erklärt, dass sie nicht die Quelle sind. Die Einladung „Komm, schöpfe“ klingt freundlich, solange man die Offenbarung nach Vers 6 zuklappt. Liest man zwei Verse weiter, steht dort, was mit denen geschieht, die dankend ablehnen.

„Dürfen wir mal an den Brunnen?“ Gern. Aber bitte mit Blick auf das Kleingedruckte am Beckenrand.

KI

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