Darum geht es
Zum Tag der Deutschen Einheit 2026 greift Stadtpfarrer Stefan Buß in seinem Impuls auf Osthessen|News zu einem Satz, der sonst am Traualtar fällt: „Was Gott verbunden hat, das soll der Mensch nicht trennen“ (vgl. Mt 19,6). Der Vers passe, so Buß, „erstaunlich gut“ zum 3. Oktober. Danach folgen Eph 4,3, ein Plädoyer für Einheit in Verschiedenheit, ein Dank an die Menschen von 1989 und eine Bitte an Gott, er möge das Land zusammenhalten.Gegen Brückenbauen und Zuhören ist nichts einzuwenden. Der Einwand richtet sich gegen etwas anderes: Buß deutet eine politische Leistung von Menschen in ein göttliches Werk um, stützt sein Einheitsideal auf zwei Bibelstellen, die das Gegenteil von pluralistischer Einheit meinen, und wiederholt dabei fast wörtlich ein Muster, das wir aus seiner Hessentags-Serie kennen.
Wer hat hier eigentlich wen verbunden?
Die deutsche Einheit kam nicht vom Himmel. Sie war das Ergebnis von Demonstrationen, Runden Tischen, Wahlen, Volkskammerbeschlüssen, Verträgen und diplomatischem Verhandeln. Buß selbst dankt am Ende für den Mut der Menschen auf der Straße und für die „politische Klugheit“ der Beteiligten. Wenn das die Ursachen waren, dann hat nicht Gott verbunden, sondern der Mensch.
Die Übertragung des Trauverses hat zudem eine unbequeme Kehrseite. Wenn die Einheit Gottes Werk ist, was war dann die Teilung? Über vier Jahrzehnte Mauer, Schießbefehl und Stasi passen schlecht zu einem Gott, der verbindet. Die übliche Antwort – Trennung ist Menschenwerk, Einheit ist Gotteswerk – ist eine bequeme Buchführung: Das Gelingen wird gutgeschrieben, das Scheitern bleibt beim Menschen. Überprüfbar ist diese Zuordnung nicht, und genau darin liegt ihre Funktion.
Ein Trauvers mit Ausschlussklausel
Pikant ist die Wahl gerade dieses Verses. Mt 19,6 ist in Buß‘ eigener Kirche nicht in erster Linie ein Vers der Verbundenheit, sondern die Grundlage einer handfesten Ausgrenzung. Der Katechismus folgert aus der Unauflöslichkeit der Ehe, dass zivil wiederverheiratete Geschiedene sich in einer Lage befinden, die dem Gesetz Gottes „objektiv widerspricht“, und deshalb nicht zur Kommunion dürfen (KKK 1650, vgl. katholisch.de).
Buß schließt seinen Impuls mit dem Satz, Einheit beginne vielleicht dort, wo einer zum anderen sagt: „Du gehörst dazu.“ Ausgerechnet der Vers, mit dem er einsteigt, ist in der katholischen Praxis jener, mit dem man Menschen am Altar sagt: Du gehörst nicht ganz dazu. Das ist kein Detail am Rande, sondern ein Lehrstück darüber, wie selektiv hier mit Bibelstellen umgegangen wird.
Eph 4: Einheit für die Getauften
Ähnlich verhält es sich mit Paulus. Buß zitiert Eph 4,3 – „Bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren“ – und nennt das einen „Auftrag“. Liest man den Kontext, wird klar, wessen Einheit gemeint ist. Unmittelbar danach heißt es: „ein Herr, ein Glaube, eine Taufe“ (Eph 4,5). Es geht um die Einheit der christlichen Gemeinde, nicht um ein pluralistisches Gemeinwesen.
Und es kommt noch deutlicher. Ein paar Verse weiter mahnt der Brief, nicht mehr zu leben „wie die Heiden in ihrem nichtigen Denken“; sie seien „verfinstert in ihrem Sinn“ (Eph 4,17–18). Wer am 3. Oktober aus diesem Kapitel zitiert, sollte wissen, dass er damit über die Mehrheit derer spricht, deren Wiedervereinigung gefeiert wird. In Ostdeutschland geben nach einer von fowid ausgewerteten Erhebung 73 Prozent an, dass Religiosität in ihrem Leben keine Rolle spielt (fowid). Bundesweit waren Ende 2025 bereits 48 Prozent der Bevölkerung konfessionsfrei (fowid). Im Epheserbrief sind diese Menschen keine Partner der Einheit, sondern ihr dunkler Gegenentwurf.
Pluralismus aus zweiter Hand
Den stärksten Absatz des Impulses kann man unterschreiben: Einheit bedeute nicht, dass alle dasselbe denken; sie bedeute, Verschiedenheit auszuhalten und den anderen nicht zum Feind zu machen, nur weil er anders denkt. Nur: Das steht nicht im Epheserbrief. Dort ist das Ziel die „Einheit im Glauben“ (Eph 4,13), und Meinungsvielfalt erscheint als Gefahr – man solle nicht mehr „getrieben von jedem Widerstreit der Lehrmeinungen“ sein (Eph 4,14).
Das Ideal, das Buß predigt, stammt aus einer anderen Quelle: aus dem liberalen Verfassungsstaat, aus Meinungs- und Religionsfreiheit, aus der Idee, dass Bürger einander als Gleiche anerkennen, ohne sich auf ein gemeinsames Bekenntnis einigen zu müssen. Wendet man den Test an, den wir in dieser Reihe schon öfter benutzt haben (vgl. Big Father is watching you), und streicht die religiöse Rahmung, bleibt der Appell vollständig stehen. Er wird sogar konsistenter, weil der Widerspruch zum zitierten Text wegfällt. Es ist das bekannte Muster: Allgemein-Menschliches wird mit einem Bibelvers etikettiert und dann als christlicher Beitrag ausgegeben (vgl. Maske ab).
Dankbar – und wofür eigentlich die Kirche?
Buß dankt den Menschen, „die damals auf die Straße gingen“. Das ist richtig und ehrt ihn ein Stück weit, denn er vereinnahmt den Herbst 1989 nicht ausdrücklich für die Kirche. Ein genauerer Blick lohnt sich trotzdem, weil die Kirchen den Herbst 1989 gern als ihr Verdienst erzählen. Die evangelische Kirche bot Oppositionsgruppen tatsächlich Schutzräume; die Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche sind dafür das bekannteste Beispiel (Bundesstiftung Aufarbeitung). Viele, die diese Räume nutzten, waren allerdings selbst kirchenfern, wie etwa der Leipziger Bürgerrechtler Uwe Schwabe (evangelisch.de).
Und Buß‘ eigene Kirche? Die katholische Berliner Bischofskonferenz hat die Demokratiebewegung im Herbst 1989 nicht unterstützt und Katholiken nicht zur Teilnahme an den Friedensgebeten ermutigt; junge Katholiken schlossen sich deshalb zunehmend evangelischen Gruppen an (Stimmen der Zeit, 2020). Wer am 3. Oktober von Mut spricht, Mauern abzubauen, könnte das ruhig erwähnen.
„Geschenk und Aufgabe“ – die bekannte Schlussformel
Am Ende bittet Buß Gott, er möge das Land zusammenhalten, uns die Kraft zum Zuhören geben und uns vor Hass bewahren. Dann folgt die Pointe: Einheit sei „ein Geschenk“, aber auch „eine Aufgabe“. Diese Formel kennen AWQ-Leser. Sie stand fast wortgleich schon im Juni-Impuls zum Hessentag (vgl. Buß fiebert), und die Mechanik dahinter haben wir im Mai ausführlich beschrieben (vgl. Die Mechanik der weichgespülten Einheit).
(öffnet in neuem Tab)
(öffnet in neuem Tab)Das Muster ist dasselbe: Gelingt die Einheit, war sie ein Geschenk Gottes; misslingt sie, haben die Menschen ihre Aufgabe verfehlt. Gott kann in dieser Konstruktion nie versagen. Die Bitte, er möge uns vor Hass bewahren, wirkt umso merkwürdiger, als derselbe Glaube über Jahrhunderte selbst Gräben gezogen hat – zwischen Konfessionen, die bis heute nicht gemeinsam Abendmahl feiern (vgl. Im Glauben uneins), und zwischen Gläubigen und Ungläubigen. Zur christlichen Einladungsrhetorik gehört eben auch ihre Rückseite: „Wer aber nicht glaubt, wird verurteilt werden“ (Mk 16,16). Das ist das Gegenteil von „Du gehörst dazu“.
Neue Gräben – und warum Religion sie nicht zuschüttet
Buß beschreibt die neuen Gräben zutreffend: zwischen Stadt und Land, Jung und Alt, Abgehängten und Profiteuren. Was er nicht sagt: Religion war nie ein verlässliches Gegenmittel. Populisten verbünden sich mit Religionsvertretern dort, wo genug religiös gebundene Wähler zu gewinnen sind – das Bündnis zwischen Trump und weißen Evangelikalen ist das Paradebeispiel. Wo diese Basis fehlt, kommen sie ohne Kirche aus; in den weitgehend säkularen ostdeutschen Ländern ist die AfD auch ohne kirchlichen Rückenwind stark, was fowid in den Wahlpräferenzen der Konfessionsfreien wiederfindet (fowid).
Daraus folgen zwei Dinge. Erstens: Ein Glaubenssystem, das je nach Bevölkerungsstruktur für Ausgrenzung wie für Versöhnung in Stellung gebracht werden kann, ist keine brauchbare Moralquelle. Es verstärkt, was gerade gewollt ist. Zweitens, und das gehört zur Ehrlichkeit: Konfessionsfreiheit allein schützt ebenso wenig. Wer keiner Kirche angehört, ist dadurch nicht automatisch säkular-humanistisch, vernünftig oder immun gegen Ideologien, die mit denselben Methoden arbeiten wie religiöse – Feindbilder, Heilsversprechen, Gemeinschaft durch Abgrenzung. Was gegen Gräben hilft, ist keine Glaubenszugehörigkeit, sondern eine Haltung.
Die säkular-humanistische Alternative
Eine tragfähige Einheit braucht keinen Gott, der verbindet, und keine Taufe als Eintrittskarte. Sie braucht gemeinsame Regeln, die für alle gelten, gleichgültig, woran sie glauben: die Würde jedes Menschen, gleiche Rechte, Meinungs- und Weltanschauungsfreiheit, einen Staat, der sich keiner Religion verpflichtet. Das ist kein kühles Rechtskonstrukt, sondern die einzige Grundlage, auf der Katholiken, Protestanten, Muslime und die große konfessionsfreie Mehrheit im Osten einander als Gleiche begegnen können.
Das „Du gehörst dazu“, mit dem Buß schließt, ist ein schöner Satz. Im säkularen Gemeinwesen gilt er ohne Vorbehalt: ohne Kommunionsverbot, ohne „einen Glauben, eine Taufe“, ohne Heiden, die im Finstern sitzen. Gerade deshalb sollte man ihn nicht mit Bibelstellen begründen, die ihn widerrufen. Die Einheit von 1990 haben Menschen erstritten. Sie zu erhalten, ist ebenfalls Menschenwerk – und man muss sie niemandem als Geschenk von oben verkaufen.
Belege und Quellen
- Stefan Buß: Tag der Deutschen Einheit, Osthessen|News, 3. Oktober 2026 (kommentierter Primärtext)
- Einheitsübersetzung 2016: Epheser 4, Matthäus 19, Markus 16
- Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1650, zitiert nach katholisch.de: Streitfall Kommunionempfang
- fowid: Säkulare in Deutschland: 56 Prozent (Ostdeutschland 73 Prozent)
- fowid: Religionszugehörigkeiten 2025 (48 Prozent konfessionsfrei)
- fowid: Die Konfessionsfreien in Deutschland (3) (Wahlpräferenzen)
- Bundesstiftung Aufarbeitung: Die deutsche Einheit und die Kirchen
- evangelisch.de: Interview mit Uwe Schwabe, 1. Oktober 2019
- Stimmen der Zeit: „Schwerter zu Pflugscharen“: Die christlichen Kirchen in der DDR und die Friedliche Revolution 1989, Heft 2/2020
- AWQ-Serie „Im Herzen eins“: Die Mechanik der weichgespülten Einheit · Buß fiebert · Im Glauben uneins – im Herzen eins · Maske ab · Big Father is watching you















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